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Mit ihrem vierten Album „Dead Silence“ sorgt die kanadische Rock-Sensation Billy Talent erneut für ordentlich Wellengang in den Herzen und Hirnen ihrer Fans. Aufgenommen unter anderem im Band-Hauptquartier in Toronto wurde der Nachfolger von „Billy Talent I – III“ zur eindrucksvollen Kür einer völlig autark arbeitenden Band, die im Laufe ihrer 20-jährigen Karriere nicht nur eine Menge Wissen und Weisheit aufgesogen, sondern sich dank ihrer harten Arbeitsmoral und ihrem stets ehrlichen und attitüdebefreiten Auftreten international eine loyale Fanschar erspielt hat. Mit unzähligen Auszeichnungen im Regal (darunter so begehrten Trophäen wie diverse MuchMusic Video Awards, MTV Awards, Juno Awards und sogar einem Echo) und geschichtsträchtigen Auftritten bei den größten Festivals der Welt, bereiten sich Billy Talent derzeit auf ihre neue Konzert-Saison vor, die sie im Herbst auch endlich nach Europa führt.
Entsprechend fleißig strickt das Quartett um Sänger Ben Kowalewicz und Mastermind Ian D’sa derzeit im heimischen Probedomizil an ihrer neuen Setlist, damit zur bevorstehenden Live-Premiere der „Dead Silence“-Songs auch alles amtlich explodieren wird.
Nach der pünktlich zum Co-Headliner-Auftritt bei Rock Am Ring/im Park veröffentlichten Teaser-Single „Viking Death March“ schicken Billy Talent nun den ersten Vorboten von „Dead Silence“ ins Rennen: „Surprise! Surprise!“, eine nicht völlig ironiefreie Abrechnung mit der alles flutenden Werbeindustrie, ihren Schöpfern und nicht zuletzt denjenigen, die ihnen alles abkaufen. Oder, um es mit den Worten von Produzent und Gitarrist Ian D’sa zu sagen: „Werbung ist mittlerweile so tief in unserer Kultur verwurzelt, dass die Leute sie wie selbstverständlich hinnehmen. Es gibt eine dort draußen eine komplette Generation, die überhaupt nicht realisiert, wie sehr sie manipuliert wird. ’Surprise! Surprise!’ handelt genau davon.”
Gepaart mit der Billy Talent-typischen Intensität und ihrem sicheren Gespür für das harmonische Miteinander von Meinung und Melodie knüpft auch der Rest von „Dead Silence“ nahtlos dort an, wo Hymnen wie „Try Honesty“, „River Below“ oder „Red Flag“ einst den Weg Richtung Unsterblichkeit antraten. 14 Songs, die in ihrer Kompromisslosigkeit, Spielfreude und Konsequenz eine Band auf dem Zenit ihres Schaffens repräsentieren und die trotz ihres apokalyptischen Endzeit-Konzepts stets voller Hoffnung und Zuversicht sind. Doch nicht nur das. Versehen mit Intro, Outro und einer wohl choreographierten Song-Abfolge wurde „Dead Silence“ zu einem kompakten und in sich schlüssigen Gesamtwerk, das dem mittlerweile recht verwässerten Begriff „Album“ mehr als gerecht wird.
Der Weg ins Ziel war für „Dead Silence“ allerdings ein langer, beschwerlicher Marsch, voller unvorhersehbarer Tücken und plötzlichen Wendungen, die letztlich aber sowohl der Qualität noch der Energie des Albums etwas anhaben konnten. Im Gegenteil.
Billy Talent machten aus der Not eine Tugend, definierten mögliche Hindernisse als zu bewältigende Herausforderungen und tankten so stets frische Motivation, um die 14 Songs von „Dead Silence“ zu den besten ihrer Karriere zu machen. Nach der Mammut-Tournee für Billy Talent III (dem letzten der von I bis III betitelten Alben-Trilogie) zogen sich Ben Kowalewicz (Gesang), Ian D’sa (Gitarre), Jon Gallant (Bass) und Aaron Solowoniuk (Schlagzeug) im Spätsommer 2010 zunächst ins Privatleben zurück, um sich um ihre Neugeborenen zu kümmern (Gallant), die Älteste einzuschulen (Solowoniuk) oder seiner zukünftigen Braut einen Antrag zu machen (Kowalewicz). Lediglich Ian D’sa stürzte sich sofort nach seiner Rückkehr wieder in die Arbeit, schließlich hat der Mann außer Musik und einem gelegentlichen Ausflug in die Eckkneipe keine weiteren Hobbys oder gar Kinder zu erziehen. Fünf bis sechs Tage pro Woche verzog sich der indisch-stämmige D’sa im bandeigenen Probedomizil, seinem „zweiten Zuhause“, um sich dem Ausbau des dort integrierten Studios zu widmen und unter der Mithilfe seiner Kollegen letzte Renovierungsarbeiten zu erledigen.
Der mittlerweile fertig gestellte Proberaum- und Studiokomplex inklusive Lagergarage und gemütlicher Teeküche ist „die erste große Investition, die wir uns als Band geleistet haben“, erklärt D’sa und untermauert damit die Weitsichtigkeit und Schläue seiner Band. Immerhin bietet so ein eigenes Domizil nicht nur die Möglichkeit, flexibel und unabhängig zu arbeiten und aufzunehmen, sondern in alben- und tourfreien Tagen auch die Alben anderer Bands zu produzieren. Als die Bude im Frühjahr 2011 schließlich bezugs- und bespielfertig ist, entstehen binnen mehrer Wochen ein gutes Dutzend Songs, die Billy Talent umgehend in Demos verwandeln; ein Umstand, den sie auch heute noch als wegweisend für die Qualität von „Dead Silence“ bezeichnen: „Ich denke, es hat uns geholfen, die Songs in Ruhe zu diskutieren und strukturieren zu können“, sagt Kowalewicz. „Es ist immer ein Vorteil, gute Demos zu haben, bevor man ein Album aufnimmt.“ Hauptaugenmerk legt die Band für „Dead Silence“ dabei auf den Gesang, ein signifikantes Alleinstellungsmerkmal von Billy Talent, deren Frontmann Kowalewicz bekannt ist für sein schrilles, markantes Organ. Ausgestattet mit unzähligen Textskizzen auf Papierfetzen, in Kladden oder Word-Dokumenten auf dem Laptop arbeiteten D’sa und Kowalewicz an den Lyrics zu den Songs, bevor der Sänger in die Aufnahmekabine gebeten wurde. „Auf diesem Album wollten wir insbesondere mit dem Gesang einen deutlichen, spürbaren Schritt nach vorne machen“, erklärt D’sa. „Viele der Melodien sind diesmal in einer sehr hohen Tonlage eingesungen; das war eine ganz bewusste Entscheidung, für die sich Ben über die Maße hinaus anstrengen und selbst übertreffen musste. Es war zwar eine Menge Arbeit, aber er hat das Ding meisterlich vollendet. Es klingt großartig!“ Doch auch die anderen beiden Mitglieder werden von D’sa zu Höchstleistungen animiert: „Ich bin normalerweise immer gut vorbereitet, bevor ich meinen Bass-Part einspiele“, erklärt Jon Gallant. „Und auch diesmal bereiteten mit meine Tracks keine Probleme, ganz im Gegensatz zu meinen Background-Chören. An denen hatte ich wirklich zu beißen.“ „Weiterentwicklung ist wichtig für uns“, fasst D’sa zusammen, „aber das gilt nicht nur für die Instrumente, sondern auch für den Gesang. Viele Bands vernachlässigen das und bleiben so ziemlich vorhersehbar, aber wir wollten diesmal insbesondere stimmliche neue Territorien erobern. Ich glaube, das Experiment ist uns geglückt.“ Produziert wurde “Dead Silence” von Ian D’sa. Nachdem der Gitarrist bereits „Billy Talent II“ in Zusammenarbeit mit Gavin Brown produziert hatte, führte er diesmal komplett alleine Regie. „Unseren Fans gefiel der Sound von ’Billy Talent II’ genauso gut wie uns, deshalb wollten wir ’Dead Silence’ wieder in dieser Tradition angehen. Nach ’Billy Talent III’, das wir mit Brendan O’Brian aufgenommen hatten, ist ’Dead Silence’ also eine Rückkehr zu dem Sound, von dem wir glauben, dass er uns am besten definiert. Und daran galt es anzuschließen.“
Bevor sich D’sa & Co. allerdings der finalen Mixe von „Dead Silence“ annehmen können, gilt es zunächst die verstörende Diagnose von Solowoniuks Hausarzt zu verkraften, der dem Schlagzeuger kurz vor Weihnachten 2011 offenbart, dass er sich dringend einer Operation am offenen Herz unterziehen müsste. Das Organ sei zu schwach, die adäquate Menge Blut durch Solowoniuks Körper zu pumpen, ergo bräuchte der 37-Jährige eine neue Herzklappe. Was für den Doktor kaum mehr als eine Routineangelegenheit darstellt, ist nicht nur ein massiver Einschnitt in das Leben von Solowoniuk und seiner besorgten Band, sondern auch in deren Zeitplan.
„Wir waren natürlich geschockt“, erinnert sich Kowalewicz, „nach all dem, was Aaron bereits auf Grund seiner MS-Erkrankung durchgemacht hatte, hatte das natürlich noch mal eine andere Dimension. Ich denke, die Diagnose hat uns etwas auf dem linken Fuß erwischt, wir lagen gut in der Zeit und wurden nun so abrupt aus unserer Planung geworfen. Aber in Anbetracht von Aarons Situation war das Album mit Abstand unsere geringste Sorge.“ Acht Wochen nach der Operation spiele Solowoniuk schon wieder Schlagzeug, nach drei Monaten probte er bereits wieder für die bevorstehenden Festivalauftritte. „Mein Arzt sagte mir, mein Gesamtzustand sei besser als vor der Operation”, erinnert sich Solowoniuk. „Nur die Eisenplatte in meiner Brust müsste noch komplett verheilen, dann könnte ich wieder 100% geben. Heute fühle ich mich großartig, wesentlich fitter und wacher als zuvor.“ Obwohl die Vollendung von „Dead Silence“ also schon in greifbarer Nähe liegt, färbt Solowoniuks Zwangspause auch auf das Album ab. Laut D’sa nahm der Song „Don’t Count On The Wicked“ noch eine inhaltliche Wende und beschäftigt sich „mit den Gedanken, die wir uns gemacht haben, nachdem Aaron im Krankenhaus war“, wie D’sa erklärt. „Aaron hat vor einiger Zeit eine Organisation namens F.U.M.S. (Fuck You Multiple Sclerosis) ins Leben gerufen. Deren Slogan ’Turn anger into hope’ fand ich so gut, dass ich ihn für das Lied geklaut habe. Ich hoffe, Aaron verklagt mich dafür nicht, haha.“ Damit haben Billy Talent dem gesundheitlichen Schicksal ihres Schlagzeugers nach dem Stück „How It Goes“ (vom Debütalbum ’Billy Talent I’) bereits das zweite Lied gewidmet, „und auch hoffentlich das letzte“, wie Kowalewicz hinzufügt.
Dabei sind Billy Talent eine Band, die sich selbst als „oldschool“ bezeichnet und deren Mitglieder allesamt in den späten 80er, frühen 90er Jahren musikalisch sozialisiert wurden - durch Alternative-Bands wie Jane’s Addiction, Nirvana, Red Hot Chili Peppers, Operation Ivy oder die Rap-Fraktion von N.W.A. Entsprechend in der Albumtradition ihrer Vorbilder verhaftet wurde auch „Dead Silence“ zu einem Gesamtkunstwerk mit einem Anfang („Lonely Road To Absolution“) und einem Ende („Dead Silence“). Warum das in der Vinylversion als Doppelalbum erhältliche „Dead Silence“ trotzdem nicht als Konzeptalbum zu verstehen ist, erklärt Ben Kowalewicz: „Das verbindende Element der Songs ist der Vibe, die Stimmung, in der sich ein Song an den nächsten reiht.
Natürlich kann sich jeder auf iTunes oder wo auch immer seine Lieblingsstücke herauspicken, aber erst im Gesamtzusammenhang wird deutlich, warum wir so lange an dem Album gearbeitet haben. Es nimmt dich musikalisch und textlich mit auf eine abenteuerliche Reise durch Höhen und Tiefen, so wie das Leben selbst. Es soll uns daran erinnern, dass wir nur diese eine Chance haben, nur diesen einen Versuch, aus unserem Leben etwas zu machen. Es handelt davon, seine Träume zu verwirklichen, selbstverantwortlich zu sein und dabei zu realisieren, was wichtig und was totaler Bullshit ist.“ Uns D’sa ergänzt: “Es ist wichtig, sich nicht allzu sehr von materiellen Dingen abhängig zu machen, oder von Social Networks und einem Leben in einer virtuellen Welt. Das reale Leben ist das, worauf es ankommt, nicht die Dinge, die uns davon ablenken. Viele der Songs von ’Dead Silence’ handeln von diesen Themen.“ Auch das Cover, das vom australischen Künstler Ken Taylor entworfen wurde, zeichnet ein düsteres, der Detailtreue des Albums in nichts nachstehendes Szenario: eine versunkene Stadt, Stille, die Ruhe nach der Flut. „Aber“, so Kowalewicz, „es gibt auch immer einen Funken Hoffnung. Wenn hier auch nur in Form einer Telefonzelle.“
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