BUILT TO SPILL

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BIOGRAFIE

Doug Martsch-Vocals, Guitar / Jim Roth-Guitar / Brett Nelson-Bass / Scott Plouf-Drums

Eigentlich kennt man BUILT TO SPILL als ambitioniertes Einzel-Projekt von Doug Martsch, der satte acht Alben lang alles lieferte, was BUILT TO SPILL ausmachte. Zusammen mit Brett Nelson und Scott Plouf bekam das ungestüme und überreichliche Songwriting Dougs erst im Studio seinen instrumentalen Schliff - oder vielmehr die basisinstrumentierte Rauheit - verpasst. Immerhin kamen dabei geniale Meisterwerke wie Perfect From Now On (1997) oder Ancient Melodies Of The Future (2001) heraus. Als BUILT TO SPILL aber vor einigen Monaten an ein neues Album gingen, da war es nicht ganz so, wie es immer war. Denn plötzlich stand eine richtige Band im Studio.

Fünf Jahre gehen schnell ins Land, und als Doug, Brett und Scott schließlich Ancient Melodies und die darauf folgenden Live-Termine hinter sich gebracht hatten, war für BUILT TO SPILL erstmal eine längere Pause angesagt, die alles in allem 18 Monate währte, und während der Doug ein Folkalbum mit dem Titel „Now You Know“ aufnahm. Als es dann wieder an die Arbeit ging, hatten BUILT TO SPILL sozusagen musikalischen Nachwuchs bekommen: BTS-Live-Gitarrist Jim Roth gehörte von nun an zur Band. Zu viert begann man also in stundenlangen Jam-Sessions das Potential der neuen Besetzung auszuprobieren. Angeblich ohne jede feste Vorstellung davon, wo das ganze hin gehen sollte, so erzählt Doug.

Es ging in Richtung BUILT TO SPILL, eindeutig. Und trotzdem ist You In Reverse das bisher bandbezogenste Album und mehr als alle bisherigen das Produkt eines gut funktionierenden Kollektivs. In den meisten Fällen schrieb jeder der Musiker seine Parts selbst, und mindestens die Hälfte des Materials entstand im gemeinsamen Spiel während der Jam-Sessions. Einige der Songs brachte Doug ein, etwa Liar und Saturday, die „eigentlich schon so da waren“, während Goin’ Against Your Mind und Traces aus Riffs bestehen, die im Zusammenspiel entstanden. Zudem brachte Doug einige Bruchstücke mit der Band zusammen, die vorher noch keinen wirklichen Song-Zusammenhang besaßen.

Als man eine Hand voll Songs zusammen hatte, wurde klar, dass die Aufnahmen sparsam gehalten und auf den Punkt gebracht werden mussten, um das spontane und organische Gefühl der Jam-Sessions zu erhalten. Wo Doug in den vergangenen Jahren zu vielen Overdubs und nachträglichen Ergänzungen neigte, versuchte die Band diesmal, die gelösten und freien Momente in den Vordergrund zu stellen, um jedem Musiker die Gelegenheiten zu geben, seine speziellen Talente hervorzukehren. Daher klingt  You In Reverse sehr natürlich und nicht so sehr nach einem breiten und atmosphärischen Fluss. Es besitzt die Resonanz von Beziehungen und zeigt deutlich, wie die Bandmitglieder miteinander und mit der Musik harmonieren.
Vor allem Jim Roth begrüßte als Neuzugang natürlich diese offene Arbeitsweise und betrachtete es als Möglichkeit auszuprobieren, was in BUILT TO SPILL steckt. „Es geht um uns vier. Jetzt können wir unser Potential erkennen. Und die neuen Songs sind erst die Spitze des Eisbergs,“ so erklärt er. Für ihn ist jeder Song auf dem Album „wie ein Gemälde oder eine Skulptur, jeder ein Ding für sich selbst.“

BUILT TO SPILL produzierten You In Reverse gemeinsam und in Eigenregie. Ähnlich wie bei der Entstehung der Songs, hatten sie das Gefühl, sie müssten etwas neues ausprobieren. „Nur um zu sehen, was passiert,“ erklärt Doug. „Ich habe genug Alben gemacht, um mir sicher zu sein, dass ich das kann. Außerdem sind die Tontechniker immer mit Stolz bei der Sache und würden es nie zulassen, dass es völlig daneben geht.“ Und als sie sich für das Audible Alchemy-Studio von Steve Lobdell entschieden, kam fast automatisch ein weiteres neues Element dazu. „Steve ist ein ungemein musikalischer Mensch und schlüpfte fast automatisch in die Rolle des Co-Producers,“ erklärt Doug, und räumt dann ein: „Aber es ist eigentlich gar nicht produziert. Es ist ganz sauber aufgenommen und gemixt worden. Es ist überhaupt nicht glatt gebügelt.“ Und irgendwie klingt You In Reverse tatsächlich mehr wie BUILT TO SPILL als jedes Album vorher.

Im Audible Alchemy gingen BUILT TO SPILL auf die Suche nach einem 60s-Sound. „Wie wollten, dass der Sound die Anmutung von klassischem Rock oder Soul bekommt, ein Stückchen Vinyl-Flair.“ Sowohl Steve, als auch Toningenieur Jacob Hall sind Audiophile, die alte Platten lieben und auf „diese Art von Sounds“ stehen. Sie benutzten strikt analoges Aufnahme-Equipment und hörten sich alle Tracks stundenlang immer und immer wieder an, um auch die kleinsten Soundnuancen herauszuhören. Steve, übrigens ein Mitglied der nahezu mythischen Faust, bediente das Space-Echo und spielte Gitarre, Vibes und Percussions auf dem Album. Sein Verständnis für die Songs war fundamental, und so waren seine Beiträge gut durchdacht und sehr spezifisch.
Weitere Gäste auf dem Album waren Sam Coomes an der Orgel und der langjährige Band-Vertraute Brett Netson, der auf drei Songs Gitarre spielte und eine zeitlang zum fünften BUILT TO SPILL-Mitglied wurde. Sein seelenzerschmelzendes Solo auf Just A Habit wird alte BTS-Fans an seine Einsätze auf Perfect From Now On erinnern.

Fragt man Doug, was er den Leuten über das neue BUILT TO SPILL-Album sagen will, dann antwortet er mit Zurückhaltung: „Ich will die Meinung der Leute über das Album gar nicht beeinflussen.“ Bassmann Brett Nelson glaubt, „dieses Album klingt so wie alle in der Band es auch gern gehabt hätten.“ Außerdem verweist er auf „die verschiedenen Stilrichtungen der Songs, von New Wave bis zu Reggae-Breakdowns.“ Und obwohl es viele Einflüsse gibt und manche Songstrukturen einfach erscheinen und sich wieder auflösen, gibt es keine beherrschende Kraft auf dem Album.
Die Songs sind eigentlich eher schwermütig als catchy. Jeder musikalischer Gedanke auf dem Album ist aber überraschend und durchgearbeitet. Dougs Texte verweisen auf Politik, sind aber andererseits sehr persönlich. Wie immer bei BUILT TO SPILL, enthalten sich die Songs jeden Dogmas, und die rationalen Gedanken sind immer den metrischen und melodischen Bedürfnissen eines Songs angepasst. Keine Message steht im Vordergrund. Und doch versteht man es.

Doug Martsch bildete BUILT TO SPILL im Jahre 1992. Seine Idee war es, ein Projekt auf die Beine zu stellen, in dem ein rotierender Stab von Musikern Alben aufnehmen und auf Tour gehen würde. Zur ersten Inkarnation gehörten damals Doug, Brett Netson und Ralf Youtz. Um die Studio-Miete zu sparen, nahmen sie das erste Album Ultimate Alternative Wars (1993) nachts auf. Für ein paar Jahre und mehrere Alben kamen und gingen Dougs Mitmusiker, bis er für Perfect From Now On (1997) eine feste Rhythmussektion, bestehend aus Brett und Scott fand. In diesem Line-Up gingen sie auf Tour und nahmen zeitweilig Brett Netson und Sam Coomes auf. 1999, nachdem Keep It Like A Secret erschienen war, kam Jim Roth zum ersten Mal als Co-Gitarrist dazu.

Hamburg, im März 2006 (Built To Spill.doc)
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