LORRAINE HUNT LIEBERSON

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BIOGRAFIE

„Neruda Songs – die Vertonung von fünf Liebesgedichten um tiefe und bewegende Themen wie das Vergehen der Lust, Erinnerung, die Angst vor Trennung und Transzendenz über den Tod hinaus – ist eins der außergewöhnlich ergreifenden künstlerischen Geschenke, die Liebende je  füreinander schufen… sie sind so universal wie erschütternd persönlich.“
– Washington Post

Der Komponist Peter Lieberson schrieb die Neruda Songs nach Gedichten des chilenischen Dichters und Nobelpreisträgers Pablo Neruda für seine Anfang Juli 2006 verstorbene Ehefrau, die Mezzo-Sopranistin Lorraine Hunt-Lieberson. Sie brachte die fünf Lieder noch selbst zur Uraufführung, am Thanksgiving-Wochenende 2005, begleitet vom Boston Symphony Orchestra unter James Levine und in der hervorragenden Akustik der Symphony Hall, Heimstatt des bekannten Orchesters. Dieses besondere Konzert am 26. November 2005 wurde aufgezeichnet und erscheint Anfang 2007 bei Nonesuch Records, gleichzeitig als die erste Aufnahme des BSO seit James Levine der Leiter des Orchesters ist.

„Ich entdeckte die Liebesgedichte von Pablo Neruda zufällig am Flughafen von Albuquerque. Das Buch hatte einen rosa Einband und zog mich in seinen Bann. Als ich durch die Gedichte blätterte, kam mir sofort der Gedanke, dass ich einige davon für Lorraine vertonen sollte,“ erzählt Peter Lieberson. „Jahre später kam die Gelegenheit, als das Los Angeles Philharmonic und das Boston Symphony Orchestra dieses Werk in Auftrag gaben, ich sollte es ausdrücklich für Lorraine schreiben.“  

Der Komponist und Ehemann fährt fort „Jedes der fünf Gedichte, die ich vertonte schien mir eine andere Facette im Spiegel der Liebe aufzuzeigen. Das erste Gedicht ‚Wenn Deine Augen nicht die Farbe des Mondes hätten’ ist die reine Verehrung der Geliebten. Das zweite ‚Meine Liebe, die Wolken erklimmen den turmhohen Himmel wie siegende Waschfrauen’ ist voller Humor und gleichzeitig mysteriös, alle Elemente der Natur sind angesprochen: Feuer, Wasser, Wind und strahlender Raum. Das dritte Gedicht, ‚Geh nicht weit, nicht für einen Tag’ spiegelt die Angst der Liebe, die Furcht und den Schmerz der Trennung wieder. Das vierte Gedicht ‚Jetzt bist Du mein. Ruhe mit Deinem Traum in Meinem’ schlägt einen komplexen, emotionalen Ton an. Zuerst ist da dieser Ausruf der Leidenschaft. Dann folgen sanfte, beruhigende Worte, die die Geliebte in die Welt der Ruhe, des Schlafs und Traums geleiten. Schließlich ist das fünfte Gedicht ‚Meine Liebe, wenn ich sterbe und nicht Du’ überaus traurig und doch auch friedvoll zur gleichen Zeit. Ganz gleich, wie sehr man mit Liebe gesegnet ist, es wird dennoch eine Zeit geben, wo wir uns von denen trennen müssen, die wir so sehr lieben. Ich bin so dankbar für Nerudas wunderschöne Lyrik. Denn obwohl diese Gedichte für eine Andere Frau geschrieben wurden – als ich sie vertonte, sprach ich direkt zu meiner eigenen Geliebten, Lorraine.“


Aus dem Booklet:

Der Komponist Peter Lieberson traf die Sängerin Lorraine Hunt 1997 während der Proben zur Weltpremiere seiner Oper Ashoka´s Dream an der Santa Fe Opera. Dieser Sommer sollte zum Beginn einer einzigartigen Liebesaffäre – und auch einer bemerkenswerten künstlerischen Zusammenarbeit – zwischen den Beiden werden. Ihre Hintergründe waren höchst unterschiedlich, zumindest an der Oberfläche. Hunt kam aus Nordkalifornien, sie war die Tochter zweier Musiklehrer aus der Bay Area. Sie hatte sich einen Ruf erworben als Sängerin von Barock-Repertoire, insbesondere von Bach-Kantaten und Händel-Opern. Lieberson entstammt einer Ostküsten-Musik-Dynastie; sein Vater, Goddard Lieberson, war der langjährige Chef von Columbia Records und er selbst studierte Zwölfton-Komposition und andere Stile der Nachkriegs-Avantgarde bei so strengen Meistern wie Milton Babbitt und Charles Wuorinen. Doch weder Peter Lieberson noch Lorraine Hunt passten in stereotype Muster. Die Musik des Komponisten sprudelte über von sinnlichen, beinahe dekadenten Harmonien und seine Meisterschaft des Tibetanischen Buddhismus gab ihm eine ungewohnte Aura in den nüchternen Korridoren der akademischen Komponisten-Szene. Die Sängerin dagegen interpretierte mit dem Herzen einer Instrumentalistin; bevor sie im Gesang ihre Berufung fand, hatte sie Viola in der Berkeley Symphony gespielt - und im Novaj Kordoj, einem Streichquartett, das sich in der Bay Area auf neue Partituren spezialisiert hatte. Als sie ein Paar wurden, näherten sie die Beiden einander an. Lorraine Hunt wurde eine führende Vertreterin der zeitgenössischen Oper, eine Interpretin, die in furchtlosem Einsatz die Visionen der Komponisten wahr werden ließ. Peter Lieberson schien die Strahlung der Stimme seiner Frau verinnerlicht zu haben, auch wenn er in instrumentalen Formen schrieb.

Neruda Songs, eine Vertonung von fünf Liebes-Sonetten des großen chilenischen Dichters Pablo Neruda, steht für die endgültige Verschmelzung dieser zwei herausragenden amerikanischen Empfindsamen. Dies ist Musik von ungewöhnlicher Wärme, die im stimmlichen Luxus barocker Arien schwelgt, wenn einzelne Silben melismatisch über viele Noten ausgeführt werden. Und es ist, von Zeit zu Zeit, auch Musik von der Sinnlichkeit des Flamenco-Gesangs oder des Blues. Gleichzeitig ist dies Musik von ungeahnter Feinheit, aus der alles belanglose entfernt wurde. Sie hat die strenge motivische Konzentration der Zwölfton-Werke Weberns und besonders des späten Stravinsky, den Lieberson verehrt. Die ersten Töne der Partitur, mit tiefen Streichern, Harfe und Holzbläsern, die sich umranken wie Weinreben, tragen die Bezeichnung: „schwül, träge” und  diese Worte setzen die Vorzeichen für den ganzen Zyklus. Im weiteren Verlauf treten Passagen von schneller, teilweise sogar rasender Bewegung auf, wie im zweiten Song, wenn die Holzbläser und die gedämpfte Trompete sich zu einem brillanten, durchdringenden Akkord emporkräuseln, als Entsprechung zu Nerudas Bild der Wolken, die den „turmhohen Himmel [erklimmen] wie siegende Waschfrauen.“ Im vierten Song etablieren Maracas einen langsam tanzenden Bossa-Rhythmus, während das Gedicht von einer Nacht erzählt, die “ihr unsichtbares Räderwerk anwirft”. Doch meist vermittelt die Musik das Gefühl eines dieser goldenen Sommernachmittage, wenn die Welt auf magische Weise im Gleichgewicht scheint und wir die Zeit verlangsamen wollen, auf dass dies nicht so bald ende.

Lorraine Hunt Lieberson starb am 3. Juli 2006 im Alter von 52 Jahren, die Uraufführung der Neruda Songs lag da etwas über ein Jahr zurück. In ihren letzten Jahren, als sie schon mit Krankheit kämpfte, sang sie immer wieder Texte, die von Leiden und Sterblichkeit sprachen, doch ließ sie ihre Interpretationen nie von ihren eigenen Gedanken dazu bestimmen. Kein Thema ist universaler als die Angst vor dem Tod. Oft schien ihre Botschaft zu sein: “habt keine Angst.” Am Ende des Neruda-Zyklus bittet der Dichter seine Geliebte, seinen Tod nicht zu betrauern und die Musik endet in größtmöglicher Ruhe, ätherisch auf dem Wort „Amor“ beharrend. Es ist schwer, dies heute nicht als Botschaft an die Nachwelt zu verstehen.

Jene von uns, die tief von dieser Künstlerin beeindruckt wurden, haben viele Aufnahmen, um sich an sie zu erinnern und – vielleicht wichtiger – wir haben das Beispiel ihres Lebens. Es lehrt uns, das, was wir tun – ob das singen ist oder spielen oder schreiben oder rufen – mit mehr Einfachheit, Ehrlichkeit und mehr Herz zu tun. In den traurigen Wochen nach dem Tod der Sängerin fand ich Trost in diesem Gedanken, während ich eine Live-Aufnahme der Neruda Songs hörte. Was dennoch schwer zu ertragen war, war der Applaus als es vorbei war. Denn jetzt ist es nicht mehr möglich, dieses Geräusch der Dankbarkeit  zu machen. Und das ist doch letztlich alles, was wir den Künstlern sagen wollen, die uns am meisten bewegt haben: Danke.

–Alex Ross, October 2006