MARIE-CLAIRE ALAIN

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BIOGRAFIE

"Ich komme aus einer musikalischen Familie, wir haben praktische jeden Abend Bach gespielt, auf der Orgel, Kantaten gesungen – Bach war bei uns fast eine Familienkrankheit."
Marie-Claire Alain im Interview mit The Organ
 
Es ist feines Understatement, wenn Marie-Claire Alain erzählt, sie stamme aus einer "musikalischen Familie". Die französische Familie Alain kann beinahe als Pendant des 20.Jahrhunderts zur Bach-Familie gelten. Der Vater, Albert Alain (1880-1971), war Komponist, wie auch Marie-Claires Brüder Olivier (gest. 1994) und Jehan (1911-1940), dessen gesamtes Werk für Orgel Marie-Claire Alain auf einer Doppel-CD einspielte (Warner Classics 2564 69928-7). "Jehan war ein wenig älter als ich, aber er hat mir alles beigebracht. Ich habe das Repertoire gelernt, indem ich ihm zuhörte. Wir hatten eine Orgel zuhause und ich erinnere mich gut, wie er Franck, Vierne, Bach und vieles Andere mehr spielte, natürlich auch seine eigene Musik."

Heute gilt die 81-jährige Marie-Claire Alain als "Königin der Orgel", vielfach geehrt und mit zahlreichen Schallplattenpreisen ausgezeichnet. In St.Germain- en-La0ye nahe Paris, ihrem Geburtsort, betreut sie noch immer sonntäglich zwei Messen als Organistin, nachdem sie als Virtuosin in über 2500 Konzerten die ganze Welt bereiste.

Seit den 1960er Jahren hat Marie-Claire Alain das gesamte Orgel-Repertoire von Johann Sebastian Bach nicht weniger als dreimal aufgenommen. "Als ich 1986 begann, diesen neuen Bach-Zyklus aufzunehmen, geschah das nicht mit der Absicht, noch eine Gesamtaufnahme zu machen" gestand die Organistin dem Magazin The Organ "Aber keine der drei Boxen hatte ich mit diesem Ziel angefangen. Als ich die erste Einspielung begann, 1959, wollte ich nur ein paar Alben machen: wir nahmen einige der Trios und die Toccatas und Fugen auf und das lief so gut, dass wir einfach alles aufnahmen, bis 1968. Ich habe dabei eine Menge gelernt und zwischenzeitlich gab es auch neue Forschung im Bereich der Alten Musik, also spielte ich den zweiten Zyklus 1975 bis 78 ein."

Warum ließ Marie-Claire Alain noch eine dritte Gesamtaufnahme der Werke Bachs folgen? "Wegen der Instrumente, die Instrumente kommen vor allem Anderen und der gute Zustand, in dem sie jetzt restauriert und zugänglich sind. Diese Aufnahmen entstanden auf Instrumenten aus Bachs Zeit –und wir wissen sogar, dass Bach einige von Ihnen selbst gespielt hat. Das ist ein außergewöhnliches Gefühl, die Hände auf die Tastatur zu legen und zu wissen, er war da 250 Jahre zuvor! Rötha zum Beispiel, liegt zehn Kilometer von Leipzig entfernt und war ein angesehener Ort, Bach war sicher dort. Mendelssohn ging da auch öfter hin."

So prägen die charakteristischen Klangbilder verschiedener Instrumente der Orgelbaumeister Silbermann, Treutmann und Schnitger Marie-Claire Alains meisterliche Interpretationen. "Das sind Instrumente mit sehr starken Persönlich-keiten: Als ich jung war, spielte man beinahe alles auf ein und derselben Orgel. Diese Tage sind vorüber. Jetzt wählen wir eine Orgel mit sehr besonderer Charakteristik passend zu einem bestimmten Musikstil aus. Bach veränderte sich im Lauf seines Lebens, so auch seine Musik: Die Beziehung zwischen Taste und Pfeife ist eine andere, die Art, wie man die Pfeife öffnet, ist anders, wie der Wind in die Pfeife strömt – all das ändert auch den Zugang zur Musik."