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Manchmal kommt die Erleuchtung spät, bisweilen sogar sehr spät. Oftmals auch gar nicht. Bei Mike Skinner und seiner One Man Raprock-Army kommt sie schon nach exakt einer Minute und vierzehn Sekunden des Opening Tracks auf dem neuen Album. „Computers And Blues“ ist die erste gute Nachricht des Jahres 2011, schon heute. Und gleichzeitig auch die erste wirklich schlechte, wie so oft im Leben. Was sich erstmal wie eine lange herbei gesehnte Rückkehr anhört, ist eigentlich ein Abschied: Mit „Computers And Blues“ erscheint am 18.02.2011 der fünfte und letzte Longplayer der Urban Rap-Revolutionäre The Streets. Schon immer waren Mike Skinner und seine The Streets das Klang gewordene Paradebeispiel des Begriffes Ambivalenz und der gelebten Widersprüche: Rap und Botschaft, Tradition und Moderne, Straßendreck und High Tech-Skillz. Computer und Blues - dieser Mann muss verrückt geworden sein, denkt da manch einer. Das geht doch gar nicht zusammen. Dass dies alles doch ganz prächtig nebeneinander funktioniert, das beweist man wieder einmal mit seinem neuen Album. Und ganz nebenbei, warum The Streets auch 2011 immer noch so unangreifbar, so unschätzbar wertvoll und so unverzichtbar sind. Unverzichtbarer denn je zuvor vielleicht. Richtungweisend war die UK-Raprock-Hybrid-One Man Army aus den tristesten Ecken Birminghams schon immer. Seit der Veröffentlichung des bahnbrechenden Debüts „Original Pirate Material“ im Mai 2002. Ein Album, dessen Titel genau das suggerierte, was es war. Das wahre Leben: Musik von der Straße; Musik für die Straße. Anders, gefährlich, potenziell weltumstürzlerisch. Mit „Computers And Blues“ begeben sich The Streets nun zurück zu ihren Wurzeln; schließen den Kreis, ohne jedoch das Hier und Jetzt mit Verachtung zu strafen. Wie könnte man auch, hat Skinner doch seit Gründung seines akustischen Streetworking-Projekts komplette Soundwelten definiert und ganz nebenbei so manche Grenze erweitert. Expanding limits - ein Schlagwort. Back to basics, ein anderes. The Streets stehen für sich selbst, haben noch nie irgendwelche Referenzen benötigt. Wo andere gerne hohle Phrasen dreschen, liefern The Streets Substanz. Substanz mit Stil. Mit Flow, mit Groove. In ihrer ureigenen Sprache, ihren ureigenen Bildern. Es ist soweit: Die Zukunft geht (vorerst) weiter, bevor sie in absehbarer Zeit unweigerlich mit dem ganz großen Knall, dem finalen Big Bang endet. So wie alles Irdische irgendwann, nur leider sehr, sehr viel früher. Fuck. Was sich für Außenstehende vielleicht als zum Scheitern verurteilter Plan anhören mag - nämlich das zusammen zu führen, was eigentlich nicht zusammen gehört, ist aus Skinners Sicht ein mehr als plausibles Unterfangen. Ein kühner Mix aus Zeitgenössischem und dem, was uns irgendwie überholt erscheint. Gestern, heute, morgen, für immer. „Der Vorgänger `Everything Is Borrowed` hat sich mit der Vergangenheit beschäftigt. `Computers And Blues` sollte sich anfänglich im Grunde um die Zukunft drehen und das Ende von The Streets markieren“, erklärt Mike. „Doch am Ende hat sich alles als sehr viel komplexer gestaltet, als ich geahnt hatte! Sicher gibt es diesmal nicht diese Extreme, mit denen ich auf dem ersten Album experimentiert habe: Das Debüt ist damals extrem britisch und irgendwie seltsam ausgefallen. Die zweite Platte hat eine extreme Geschichte erzählt, das dritte Album war einfach nur extrem extrem, während das vierte Werk extrem philosophisch gepolt war. Das neue Album dagegen ist extrem...“ Skinner sucht nach passenden Begriffen, „ausgewogen! Es beinhaltet Elemente all dieser Platten - eine sehr befriedigende Songsammlung, um das Kapitel The Streets gebührend abzuschließen.“ Was einst als Gratis-Demoversionen auf Twitter anfing, das findet nun mit den 14 Tracks auf „Computer And Blues“ sein viel zu frühes Ende. Völlig unnötig zu erwähnen, dass Skinner auch diesmal sein ausgeprägtes Faible für die neuesten technischen Errungenschaften und sonstige zeitgeistige Sperenzchen bis zum Anschlag auslebt: Anfangen beim virtuellen Online-Minenfeld aka Facebook-Beziehungsstatusleiste („OMG“), über das 100 Pixel starke „Blip On A Screen“, bis zu übersteigerten Wahrnehmungen und durch exzessives „Call Of Duty“-Zocken hervorgerufenen Realitätsverlusten („Without A Blink“) - „Computers And Blues“ spiegelt Mike Skinners ganz eigene Interpretation der Interaktion zwischen menschlichen Gefühlen und elektronischer Multimediakommunikation wider. Kein The Streets-Album wäre allerdings perfekt ohne diesen einen, ganz besonderen Track, den man nicht großartig interpretieren oder hinterfragen muss, um die Aussage sofort zu verstehen. Den aufrüttelnden Schlag ins Gesicht - hier in Form vom selbsterklärenden „Trying To Kill M.E.“, die ungeschminkten, Song gewordenen Tatsachen und Motive für den monatelangen Krankenhausaufenthalt seines Schöpfers, in welchem ebenfalls der Grund für die Veröffentlichungsverschiebung verborgen liegt. „Man muss dieses Stück gar nicht großartig kommentieren; es wird alles in dem Song selbst geschildert. Der Großteil des Albums entstand vor diesem Zwischenfall, also muss es auch gar nicht aufgeblasen werden. Ich bin unfassbar glücklich, dass es mir mittlerweile wieder besser geht und es erfreulicherweise viel interessantere Dinge gibt, die ich zu sagen habe!“ Dinge über eine Zukunft ohne The Streets zum Beispiel. Mike Skinner, Phase II. Schon in der kreativen Pipeline: Ein Film und ein Buch. Skinner schmunzelt. „Egal, wie oft man es mir auch noch anbieten mag: Ich verspreche hoch und heilig, dass es definitiv niemals ein kitschiges Musical unseres `A Grand Don`t Come For Free`-Albums geben wird! Zumindest nicht, solange ich nicht in jungen Jahren für immer abgetreten bin und meine Witwe die Kohle braucht...“ Berühmte letzte Worte. Ladies and Gentlemen, ein kleiner, gespielt unsentimentaler Toast zum Abschied eines der ganz Großen; einer, der eine Lücke hinterlassen wird. Mit den Worten, die scheinbar von Anfang an für genau diesen Anlass verfasst wurden: Dry your eyes, mate. Als hätte er es geahnt.
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