Birdy

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Fünf Jahre mögen wie eine lange Pause zwischen zwei Alben klingen. Doch für Birdy, die Sängerin und Songwriterin, die mit gerade einmal 12 Jahren schlagartig berühmt wurde, war es wichtig, innezuhalten, Bilanz zu ziehen und herauszufinden, wer sie wirklich ist. Obwohl sie inzwischen 24 ist, hat sie bereits viel vom Leben gesehen. Eine Grammy-Nominierung, pausenloses Touren und ein Auftritt bei...

Fünf Jahre mögen wie eine lange Pause zwischen zwei Alben klingen. Doch für Birdy, die Sängerin und Songwriterin, die mit gerade einmal 12 Jahren schlagartig berühmt wurde, war es wichtig, innezuhalten, Bilanz zu ziehen und herauszufinden, wer sie wirklich ist. Obwohl sie inzwischen 24 ist, hat sie bereits viel vom Leben gesehen. Eine Grammy-Nominierung, pausenloses Touren und ein Auftritt bei der Eröffnungszeremonie der Paralympics London 2012 (um nur einige zu nennen) waren ihr, so stellte sie fest, beim Erwachsenwerden in die Quere gekommen. Sich verlieben, die Welt erkunden, all die Übergangsriten, die für die Nicht-Berühmten unter uns selbstverständlich sind: es war an der Zeit, all das zu erleben.

"Es war ein langsamer Prozess", lacht sie heute, wenn sie über ihr vollbrachtes viertes Album "Young Heart" spricht. Als sie vor drei oder vier Jahren damit begann, an den ersten Songs zu arbeiten, stellte sie fest, dass sie einfach nicht kommen wollten. Sie konnte die Emotionen, die sie in sich verspürte, nicht zu Musik verarbeiten, die sich richtig anfühlte. Ihre erste Liebe war unlängst zu Ende gegangen und obwohl sie an diesem Punkt ihres Lebens das Gefühl hatte, dass es das Richtige wäre, nun auf ihren eigenen Beinen zu stehen und die Welt als eine unabhängige Person zu erfahren, kämpfte sie noch immer mit ihren Gefühlen: nicht vergehende Liebe, Einsamkeit, ein Gefühl von ‚und was jetzt?'.

Eher unabsichtlich wandte sie sich an die Meister der gebrochenen Herzen, Sängerinnen, zu denen sie sich in dieser schwierigen Zeit auf natürliche Weise hingezogen fühlte. "Als ich mit dem Album begann, hörte ich viel Etta James und Nina Simone. Der letzte Song auf dem Album, ‚Young Heart', war der erste Song, den ich dafür schrieb, weshalb er sehr von diesen Künstlerinnen inspiriert war. Ich glaube, man kann diese Beseeltheit ziemlich deutlich hören." Das kann man in der Tat: es ist der emotional raueste Track des Albums und wurde von Birdy allein zu Hause aufgenommen. Der Schmerz der Trennung und die Zerrissenheit zwischen dem Wunsch zu bleiben und zu gehen klingt in einer Gesangslinie durch, die tief im Kern des Traumas gräbt.

Obwohl der Song "Young Heart" nun geschrieben war, blieb der Rest des Albums für sie weiterhin ungreifbar. "Ich hatte zu Beginn für eine lange Zeit eine ziemlich schlimme Schreibblockade, denn es war einfach zu schmerzvoll, die Songs zu schreiben - ich hatte all diese Ideen, aber es war zu schwer, sie zu Ende zu bringen", sagt sie im Rückblick. Also ging sie auf Reisen.

"Ich begann, Joni Mitchell zu hören, zu der ich komischerweise zuvor nie durchgedrungen war. Ich weiß nicht, ob das eine Sache des Alters ist! Und plötzlich war ich so: ‚Oh mein Gott, das ist fraglos das Beste!' Ich hörte es unglaublich viel, fast in einem Ausmaß, das mir das Schreiben noch schwieriger machte, da ich bei mir dachte: ‚Wenn es nicht so gut ist wie das, was bringt es dann überhaupt?' Es machte daher Sinn für sie, zunächst einmal nach L.A. zu reisen, wo sie langsam wieder in den Tritt fand. Nicht im L.A. der billigen Spidermankostüme und zwielichtigen Bars, sondern im L.A. von Joni Mitchell und Nick Drake. Die Musik begann, ein wenig mehr Sinn für sie zu ergeben. Die Weitläufigkeit der Stadt ermöglichte es ihr, aus sich herauszutreten und sich selbst in einem neuen Kontext zu betrachten.

Die besonderen Umgebungen und Kreativpartner - ein Großteil des Albums wurde mit Daniel Tashian & Ian Fitchuk (u.a. Co-Schreiber von Kacy Musgraves' Grammy-ausgezeichnetem Album "Golden Hour") geschrieben und produziert - schienen ein instinktives Gefühl dafür zu besitzen, wie man ihre Worte und ihre Musik freisetzt, und erfüllten "Young Heart" mit der Strahlkraft vergangener Künstler. Einmal mehr nahm die Musik ihre Umgebung in sich auf. Wo ihre frühen Arbeiten vom heimischen New Forest inspiriert gewesen waren - dunkel und wild -, sind die natürlichen Einflüsse von "Young Heart" wesentlich breitformatiger. "In L.A. zu sein und sich in dieser riesigen Stadt sehr klein zu fühlen, alles ist so riesig in dieser Stadt und dann noch diese gewaltigen Berge im Hintergrund – es fühlt sich einfach komplett anders an, dort zu sein." Die Songs des Albums ringen zwischen Licht und Dunkelheit, zwischen der Weite des Raumes und dem Inneren der häuslichen Umgebung. Der Konflikt zwischen dem Verlangen, sich einzuigeln und dem Zwang fortgehen zu müssen, zu neuen Orten und neuen Erlebnissen, zieht sich durch das Album.

Der Eröffnungstrack "Voyager" steckt den Rahmen ab, ein wunderschön gearbeiteter Song über die Gewissheit und den Schmerz, die man zum Beenden einer Beziehung braucht, während man sich zugleich noch im Niemandsland befindet, dass der Partner von nichts weiß - "I won't wait for you, I'm already gone, like moonlight leaves with the dawn." Ab diesem Punkt handelt das Album von den Konsequenzen – der Einsamkeit, dem Schmerz, die Person zu vermissen, die sie immer noch liebt, der Akzeptanz der Trauer als zentralem Bestandteil von Liebe und Verlust, die Sehnsucht zu verreisen beim gleichzeitigen Sog der heimischen Vertrautheit. "Habe ich die richtige Entscheidung getroffen? Ist das eine furchtbare Idee?", erinnert sich Birdy an ihre Gedankengänge. "Es war so schwer, es zu schreiben. Du willst, dass die Person [die du liebst] dich da durchgeleitet – ich glaube, daraus hat sich ein Großteil der inneren Zerrissenheit ergeben. Ich musste plötzlich viele dieser Entscheidungen allein treffen und meinen Instinkten vertrauen." Naturhafte Traumbilder – der Mond, das Gras, die Wolken, die den Himmel bemalen – verankern die Worte in einer Musik, die auf ihr Wesentlichstes reduziert ist.

Nach ihrer Zeit nach L.A. zog Birdy in die Nähe von Nashville, jene Stadt, die an jeder Ecke vor Musik und Musikern vibriert und Heimat einiger der größten je geschriebenen Herzschmerz-Songs ist. "Nashville ist so anders. Es ist so anders! Jeder ist wirklich freundlich zu dir - Leute sprechen dich einfach so auf der Straße an", ganz anders als im UK, wo es die Leute vor zufälligen Interaktionen mit Fremden graut. Es half Birdy, sich ein wenig wie auf hoher See zu fühlen - leicht verloren an einem neuen Ort, mit neuen Abenteuern und Erlebnissen, aus denen sie schöpfen konnte.

Obwohl sie schon immer das Gefühl hatte, Anflüge von Country in sich zu tragen, war die Musikalität von Nashville auch eine Inspiration. "Dort zu schreiben ist ein komplett anderes Erlebnis, weil praktisch jeder selbst ein Musiker ist. Alle beherrschen Instrumente und sind wirklich gute Geschichtenerzähler, daher verstanden sie mich wirklich. Bei mir ist es meistens so, dass die Musik zuerst kommt und die Worte nicht so schnell. Ich habe immer eine Vorstellung davon, wovon der Song handelt und was jede Zeile zum Ausdruck bringen will, doch es ist ziemlich hilfreich, jemanden zu haben, der die Worte aus mir herausrauszieht. Ich hatte das Gefühl, jemanden zu brauchen, der mir sagt: ‚Das ist es, was du zu sagen versuchst', bis es sich stimmig anfühlt."

"Young Heart" ist bei Weitem kein Country-Album, doch es ist eine ziemliche Abkehr von Birdys letztem Album, dem 2015 veröffentlichten, dramatischen "Beautiful Lies". "Das letzte Album war wesentlich theatralischer", sagt sie.  "Es war eine Menge los, es war eine große Produktion. Damit verglichen, ist dieses ziemlich zurückgenommen – es ist nichts da, was nicht da sein muss. Es gibt keine Dekoration. War "Beautiful Lies" ein Märchen, so ist "Young Heart" das wirklichkeitsnahe Porträt einer Künstlerin im Schmerz. "Dieses Album fühlt sich sehr persönlich an", sagt sie. "Ich will es einfach nur beschützen."
 
Die Ironie, sich erstmals selbst in die Weltgeschichte aufgemacht zu haben, nur um vom Universum für den größten Teil von 2020 wieder nach Hause zurückgeschickt zu werden, ist Birdy derweil nicht entgangen. Sie zog in eine neue Wohnung in London, nur um dort festzustellen, dass sie den Ausbruch des Coronavirus am besten im New Forest mit ihrer Familie aussitzt. Sie verbrachte einen Großteil des Jahres mit der Feinabstimmung des Albums, daneben malte sie, gab sich ausgiebig Netflix hin und genoss das Geschenk, Zeit mit ihren Liebsten zu verbringen. Sie adoptierte außerdem ein verlassenes Entenküken, das sie im Pool eines Nachbarn vorfand – eine ausgesprochen Birdy-typische Aktion. "Es war großartig, sie schlief auf mir und folgte mir überall hin. Wir gingen zusammen schwimmen und sie liebte es, zu fliegen - sie flog weg und kam wieder, wenn wir sie riefen. Und dann, eines Tages, kam sie nicht mehr zurück. Der Ruf der Wildnis hat sich in ihr zurückgemeldet."

Manchmal glaubten sie und ihre Schwester noch, ihre Ente am See zu erspähen, doch sie waren sich nicht sicher, da alle Enten so ähnlich aussehen. "Ich rief sie und sie war die einzige, die ihren Kopf etwas drehte. Es war, als würde sie sagen: ‚Bring mich nicht in Verlegenheit! Ich bin mit meinen Freunden hier!'"

Es ist schwer, nicht die offensichtliche Parallele zwischen Birdy und ihrem Entlein zu ziehen. Beide fanden Sicherheit und Trost in einer Beziehung und beide wussten, als es an der Zeit war, dem Ruf der Wildnis zu folgen. Für Birdy ist zu Hause auf "Young Heart" immer eine Option, nur nicht zwangsläufig die richtige. Sich durch Liebe und Verlust zu arbeiten, loszulassen lernen und seinen eigenen Platz in der Welt zu finden und all das auf einem so wunderschön ehrlichen Werk ist nichts weniger als atemberaubend.

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