Creeper

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Die UK-Rockhelden Creeper feiern ihre Wiederauferstehung mit einem extrem ambitionierten, Americana-gefärbten zweiten Album. „Sex, Death and the Infinite Void“ ist eine nostalgiegetränkte Geschichte über Liebe, Verlust, Freundschaft und einen „Englishman in L.A.“

Am 1. November 2018 fiel um etwa 22:30 Uhr im Londoner KOKO der letzte Vorhang für die aufregendste Band des Vereinigten Königreiches. Der schillernde Frontmann Will Gould hielt...

Die UK-Rockhelden Creeper feiern ihre Wiederauferstehung mit einem extrem ambitionierten, Americana-gefärbten zweiten Album. „Sex, Death and the Infinite Void“ ist eine nostalgiegetränkte Geschichte über Liebe, Verlust, Freundschaft und einen „Englishman in L.A.“

Am 1. November 2018 fiel um etwa 22:30 Uhr im Londoner KOKO der letzte Vorhang für die aufregendste Band des Vereinigten Königreiches. Der schillernde Frontmann Will Gould hielt eine Ansprache, die an David Bowies berüchtigten Abschied nach einem Gig im Hammersmith Apollo 1972 angelehnt war: „Von all den Konzerten, die wir in den vergangenen vier Jahren gespielt haben, wird uns dieses am längsten in Erinnerung bleiben“, so Gould, bevor er den letzten Track ihres Sets anstimmte, „denn nicht nur ist dies die letzte Show dieses Albums, sondern die letzte, die wir jemals spielen werden.“ Bestürzte Fans weinten vor Fassungslosigkeit, verwirrt, wieso sich ihre Lieblingsband auf dem Höhepunkt ihrer Kräfte verabschieden wollte.

Creeper hatten sich 2014 in Southampton gegründet, jedes seiner Mitglieder beeinflusst von ihrem wechselseitigen Mitwirken in der lokalen Hardcore-Szene und einer Liebe zu Punk und Glamrock. 2015 gesellten sich Oliver Burdett und Hannah Greenwood zu den Gründungsmitgliedern Gould, Ian Miles, Dan Bratton und Sean Scott hinzu. „Creeper wurde aus dem Wunsch heraus geboren, ein Fantasy-Element in den Punkrock einzubringen, etwas, von dem wir fanden, dass es durch all die Karohemden tragenden Emobands verloren gegangen war“, sagt Gould heute nicht ohne Stolz. „Wir wollten etwas Extravagantes erschaffen, das Pomp hat“.

Sie erreichten dies in höchstem Maße mit EPs, die ihnen schlagartig eine geradezu obsessive Anhängerschaft aus Außenseitern und verlorenen Teeangern einbrachten, die sich selbst liebevoll als Creeper Cult bezeichnete. Die Band wurde von der Kritik als beste neue Rockband der letzten Jahre gerühmt, manifestiert unter anderem durch den Gewinn eines Kerrang! Awards und Metal Hammer Golden Gods Awards im Jahr 2016. Das Debütalbum „Eternity, In Your Arms“ (2017) überhöhte ihre Heimatstadt am Meer zu einem Ort voller Mysterium und Pracht und spiegelte damit Erkenntnisse über das Aufwachsen und das Rauswachsen aus seinem alten, jüngeren Ich. Das Album schoss auf Platz 1 der britischen „Rock & Metal Albums“-Charts und erreichte die Top 20 der UK-Albumcharts. Es geschieht selten, dass einer neuen Band der Durchbruch in einer Szene gelingt, wo der Mehrzahl der Protagonisten eine solche Errungenschaft erst nach zehn oder mehr Jahren glückt, besonders mit einem Debütalbum.

Als Meister von Spiel und Pastiche hatte die sechsköpfige Band stets geplant, zu verschwinden – wenn auch nur vorübergehend – sobald sie das Touren mit ihrem Debüt abgeschlossen haben würden. Plötzlich jedoch fühlte es sich an, als müssten sie sich endgültig aus dem Musikgeschäft verabschieden. Gitarrist Ian Miles war in extrem schlechter Verfassung und kurz vor seiner Einweisung ins Krankenhaus, Gould war ausgebrannt und erschöpft. Die beiden hatten sich in den zurückliegenden Jahren immer wieder gegenseitig bei seelischen Problemen unterstützt, doch das hier war ernster als sonst und unbekanntes Terrain.

Und wirklich folgte das bisher schlimmste Jahr in Goulds Leben. In der Woche nach Miles’ Zwangseinweisung sollten die beiden eigentlich gemeinsam nach L.A. fliegen, um das zweite Album zu schreiben. Creepers Anführer musste die Reise allein antreten. In den darauffolgenden 12 Monaten verstarb der Partner seiner Mutter unerwartet und die Beziehung zu seiner Verlobten war am Rande des Scheiterns. „Ich hatte Menschen sehr verletzt, lief jedoch auch davor weg. Jeder Teil meines Lebens war davon betroffen.“ Unentschlossen, was er sonst tun sollte, legte Gould all seine Konzentration und seine emotionale Energie in das Album. Er wusste, dass sich alles ändern musste – sowohl in seinem Leben als auch in der Band. Er wollte auf dem Glam- und Goth-geprägten Rock aufbauen, für den sie geliebt wurden, zugleich jedoch die Ziele neu und noch viel höher stecken. „Der einzige Weg, ein weiteres Creeper-Album zu machen, so schwierig es auch war, war es, Creeper auf dem Boden zerschellen zu lassen.“

Dies bedeutete eine komplette Ablehnung der üblichen, fett produzierten Pop-Punk-Richtung, die sie mühelos hätten einschlagen können. Stattdessen wollte Gould, dass Fans den Pomp, die Freude und den Geist von Creeper durch die Linse eines farbenfrohen und sentimentalen Americana eines Bruce Springsteen und Roy Orbison sehen, mit dem theatralischen Glamour von Marc Bolan und T-Rex.

Gould verbrachte die Tage schlafend in seinem Apartment in Hollywood und stürzte sich am Abend in die zwielichtige, grelle Unterwelt von Los Angeles. Er feierte, erkundete ausgiebig Fetischclubs und fühlte sich unter den Goths, Punks, Außenseitern und Schurken der Stadt als „Englishman in L.A.“ schon bald heimisch. So sehr er den wilden Ritt genoss, war er nicht ohne Schwierigkeiten. „Mein Alkoholkonsum war gewaltig außer Kontrolle geraten“, erinnert er sich. „Ich schwankte zwischen Optimismus über die Zukunft der Band und Konversationen mit Ian, die mich glauben ließen, dass er sich niemals erholen, geschweige denn komplett genesen würde.“ Gould schrieb einen Teil des Albums allein, andere Teile schrieb er mit Miles gemeinsam über eine Webcam – Gould auf einem Mini-Keyboard in seinem gemieteten Zimmer in den Staaten und sein musikalischer Partner mit einem Instrument des Priory-Hospitals in England.

Inmitten dieser turbulenten Umstände unter der heißen L.A.-Sonne erschaffen, ist Sex, Death & the Infinite Void ein Konzeptalbum, das lose auf Goulds Leben basiert: Junge zieht in neue Stadt, gerät auf die schiefe Bahn, verliebt sich – und die Welt, wie sie sie kannten, endet. Gould nennt es seine Version einer „apokalyptischen Romanze“. Es gab nie eine passendere Zeit für aufrührerische Endzeit-Hymnen als diese, in denen wir selbst dem endlosen Nichts immer näher zu rücken scheinen. Mit seinen stürmischen Gruppenrefrains, dem eleganten Rat-Pack-Stil und einem goldenen Hauch von modernem Country ist das Album eine cineastische Reise durch Goulds außergewöhnlichen Kopf. „Modern love can feel like suicide”, verheißt er in „Cyanide“, und lädt die Zuhörer ein, ihm beim kühnen „kissing in the acid rain” Gesellschaft zu leisten – ein Track, der aus dem Erlebnis des Sängers entstand, sich in seine jetzige Freundin zu verlieben. Mehrere Tracks enthalten Gesang und Spoken Word von Goulds persönlicher Freundin und Sisters of Mercy Goth-Legende Patricia Vanian (Künstlername Morrison). Sie liefern sich gegenseitige Sticheleien, eine augenzwinkernde Anspielung auf Meat Loafs hochenergetische Hin-und-her-Refrains. Es ist Glamour, Gelächter und Liebe, bis Gould im vorletzten Track „Black Moon“ den Abgesang („let love kill me”) seiner Figur anstimmt.

Das Album endet mit einem persönlichen, schmerzvollen Moment. Der Frontmann tritt vor den Vorhang für einige ehrliche Worte über die Herausforderungen und Höhenflüge der Band. „Nach mehreren Interventionen wegen meines Alkoholismus saß ich am Piano und trank täglich eine Flasche Scotch im Studio“, erinnert sich Gould an seine Tage in L.A. „Alle waren bereits nach Hause gegangen, als ich diesen finalen Song des Albums schrieb. Nur der Studio-Assistent war noch da. Er sagte mir, ich solle es unbedingt aufnehmen. Ich dachte, es sei zu persönlich, doch dann spielte ich es dem Rest der Band vor – inklusive Ian – und sie sagten, es muss unbedingt auf das Album.“ Die daraus resultierende Pianoballade „All My Friends“ ist eine zeitlose Ode an seinen engsten Freund und Creeper-Gitarristen Ian Miles. „Ich kann mir den Song immer noch nicht anhören, doch ohne ihn wäre es ein anderes Album.“

Sex, Death & the Infinite Void übertrifft alle Erwartungen, die sowohl die Band als auch ihre Hardcore-Fans sich je hätten erträumen können. 2020 lernen wir ein neues, hochgradig dramatisches Creeper kennen: größer, besser und dabei risikofreudiger als jede andere UK-Band seit mindestens einem Jahrzehnt. Wenn ihr euch in diesen gefährlichen Zeiten traut: küsst, tanzt und überdauert mit ihnen im sauren Regen.

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