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In Hamburg bewegt sich etwas. Waren es über viele Jahre, gar Jahrzehnte eher die Frankfurter und Berliner Techno-Schulen, die den Stil und die Progression von Tanzmusik härterer Gangart bestimmten, so blüht die Hansestadt in den letzten Jahren zunehmend auf. Der neueste – und auch einer der sprichwörtlich jüngsten – Vertreter der druckvollen Hamburger Clubmusik ist ETИIK, geboren 1992, der bereits...

In Hamburg bewegt sich etwas. Waren es über viele Jahre, gar Jahrzehnte eher die Frankfurter und Berliner Techno-Schulen, die den Stil und die Progression von Tanzmusik härterer Gangart bestimmten, so blüht die Hansestadt in den letzten Jahren zunehmend auf. Der neueste – und auch einer der sprichwörtlich jüngsten – Vertreter der druckvollen Hamburger Clubmusik ist ETИIK, geboren 1992, der bereits jetzt als das Wunderkind des neuen deutschen Techno gehandelt wird. Er brauchte nur einen einzigen Auftritt im Hamburger Baalsaal, um sofort einen Plattenvertrag zu bekommen. „Das war überwältigend“, erzählt ETИIK. „Eigentlich war mein Plan, erst dann auch aufzulegen, wenn ich eigene Tracks vorweisen kann und mich ein Stück weit etabliert habe. Doch nun kannte ich den Chef vom Baalsaal, und er lud mich ein, eine Nacht aufzulegen. Es war tatsächlich mein erstes offizielles DJ-Set, und an dem Abend war ein A&R-Manager von Warner unter den Gästen. Er sah mich, hörte mich und dachte sich: ‚Egal was er sonst noch so macht, den müssen wir haben!’ Keine zwei Wochen später saß ich mit den Leuten von Warner zusammen und wir fanden heraus, dass wir die gleiche Vision und Idee davon haben, wer ich bin und wo ich mit meiner Musik hin will.“ Und schon unterschrieb er einen Vertrag bei bitclap!, dem Dancelabel von Warner Music.

Eine Blitzkarriere? Ein Übernachterfolg? Weit gefehlt, denn trotz seiner Jugend ist ETИIK schon lange dabei, an seiner eigenen Klang-Signatur zu feilen. „Im Alter von sieben Jahren hörte ich zum ersten Mal Sven Väths ‚Dein Schweiß’, und ab dem Moment war es um mich geschehen. Von da an wusste ich, dass ich so etwas auch machen möchte.“ Über Jahre feilte er an seinem Sound, der äußerst charakteristisch ist. „Mein Ziel ist es, dass jeder meiner Tracks eine starke Identität aufweist, sich die einzelnen Tracks aber trotzdem stark voneinander unterscheiden. Wenn man sich auf die Suche nach der eigenen Signatur begibt, ist die Gefahr groß, dass am Ende vieles sehr ähnlich klingt. Das wollte ich unter allen Umständen vermeiden.“ Und so saß ETИIK bereits als junger Teenager in seinem Zimmer und verfeinerte Sounds, Beats und Dynamiken. „Meine Freunde und Klassenkameraden hörten alle HipHop und R’n’B, da war ich mit meiner elektronischen Vorliebe immer ein Außenseiter“, sagt er. „Gleichzeitig bin ich ein großer Schlagzeug-Fan, und so kann es immer wieder passieren, dass ich am Ende soundmäßig bei HipHop-Drumpatterns lande, die ich dann in meinen Techno einbaue.“ Und das alles in einem Alter, in dem andere Harry Potter-Bücher lesen.

Doch das eigentlich Erfrischende an ETИIK ist nicht seine Jugend, sondern sein kompromissloser und erstaunlich stilsicherer Sound. ETИIK, der tatsächlich auch so heißt, wuchs in Hamburg als Sohn albanischer Einwanderer auf, die ihn von Anfang an auf seinem musikalischen Weg unterstützten. Sein Ziel war von Anbeginn, den eleganten Techno zu erfinden. Denn statt seine Musik mit Sounds zu überfrachten, lässt ETИIK alles Überflüssige weg und konzentriert sich auf das Wesentliche. Seine Musik kommt auf den Punkt und beweist Haltung, wo andere mit nervigen Effekten rumspielen: Geschüttelt bitte, nicht gerührt! „Ich bin ein absoluter Perfektionist, der stets nach dem Optimum sucht“ erklärt er. „Ich brauche nicht lange, um mit einem Track bei 80 Prozent zu sein. Für die restlichen 20 Prozent kann ich aber zum Teil Monate brauchen. Und es kann auch passieren, dass ein fertiger Track wieder im Archiv verschwindet, weil mich plötzlich der Klang der HiHat stört.“ So arbeitete er ganze zwei Jahre an seinen ersten Tracks, bevor er sie gut genug fand, um sie via Soundcloud zu veröffentlichen. Das zahlte sich aus. So hat er doch mittlerweile in seinem Soundcloud-Kanal knapp 1.000.000 Plays seiner hochgeladenen Tracks und Remixe.

Dass ETИIK auch optisch stets einen stilsicheren Auftritt beweist, verwundert einen dann auch nicht mehr: Das passt einfach. „Mir ist das Gesamtbild äußerst wichtig. Es muss alles stimmen, eine Einheit ergeben und einen ganz klar definierten Charakter in sich tragen.“ Für seine Musik ließ er sich von zeitgenössischen Künstlern wie Boys Noize, Tiga, D.I.M. und Kraftwerk genauso inspirieren wie von Altmeistern wie Johann Sebastian Bach. So kann es schon mal sein, dass sich die Takte eines Geigensolos in seinen Sounds wiederfinden. Oder künftig auch verstärkt Vocals: „Ich mag Vocals sehr, mit ihnen kann man großartig herumspielen. Für meine künftigen Tracks habe ich da auch schon einige Kollaborationen vor Augen, und es sieht gut aus, dass das klappt.“

ETИIK überrascht mit konzentrierten Beats, die eher durch Auslassungen begeistern als durch stoisches Stampfen, durch gebrochene Rhythmik als durch geradliniges Four-to-the-Floor. Alles ergänzt durch feinstes „Geknarze“ und hauseigene Sawtooth-Synths, die den Tracks bei aller Härte eine analoge Fragilität und damit eine Seele verleihen. ETИIKs Markenzeichen aber sind vor allen Dingen seine krassen Drops, die einen überraschend erwischen und von den Socken hauen. Und genau das ist seine Philosophie: „Auf die Fresse, aber bitte mit Stil!“

Es geht ihm bei seiner Musik nicht um Quantität, sondern um Qualität. Und die brachte ihm Erfolg. Die Leute liebten seinen Sound, unter anderen SCNTST von Boyz Noize Records. Mittlerweile sind SCNTST und ETИIK befreundet und brachten sogar zusammen beim hauseigenen Label ‚Boysnoize Records’ Musik heraus. „Das ist alles Teil des großen Plans“, sagt er. „Nicht zu sehr festlegen lassen auf ein Label, eine Richtung, eine Biz-Kooperation. Ich finde es schön, wie die Kontakte und Gelegenheiten organisch wachsen, und ich möchte all diese Chancen nutzen.“

ETИIK überzeugt mittlerweile nicht nur als Produzent, sondern auch als DJ, als welcher er, ähnlich seiner Tracks, großen Wert auf einen weit gefassten Spannungsbogen und eine klar differenzierte Dramaturgie legt. Einfach einen Track nach dem nächsten auflegen – das ist nicht seine Sache. Stattdessen „kann es passieren, dass ich in einem 90-Minuten-Set 30 bis 40 verschiedene Tracks einsetze, sie ineinander mische und die Leute verschicke. Dabei darf aber nie die Spannung verloren gehen.“ Er selbst jedoch sieht sich weder als das eine oder das andere, sondern bezeichnet sich einfach als Entertainer, bei dem das Gesamtkonzept stimmt. Übrigens: Das umgedrehte И seines Logos ist eigentlich das Stück einer visualisierten Sägezahnwelle, wie er sie auch in seinen Tracks verwendet.

ETИIK hat sich damit als Künstler mit seiner eigenen Signatur bereits klar in der Techno-Szene verortet. Er ist ein junger Mann mit hohem Wiedererkennungswert, klanglich wie optisch. Er produziert einen Techno, der die Historie des Genres zitiert und in die Jetztzeit überführt – dies aber so geschickt tut, dass man die Zitate erst nach vielmaligem Hören erkennt. All das findet sich jetzt auch auf ETИIKs EP „Neon Daze“, die im November letzten Jahres  über bitclap!/ Warner Music veröffentlicht wurde und deren fünf Tracks die gesamte Spannbreite seiner überzeugenden Producer-Qualitäten belegen. Der Titeltrack „Neon Daze“ ist ein mächtiger Stampfer mit verschachtelten Beats, einer quälend intensiven Bassline und geschickt eingestreuten Vocal-Samples, „Nixon“ bietet die vielleicht fieseste Version von marschierendem Future-Tech-Funk, die man bislang vernahm. „Vault“ ist eine brillant unfreundliche Nummer für die ganz frühen Morgenstunden, wenn die Hitze im Club kurz vorm Kochen ist. „La Nuit“ spielt gekonnt mit verzerrten Melodiestrukturen und verstörenden Hintergrund-Geräuschen, während der EP-Ausklang „Boaws“ Bezug auf den vertrackten Electro der 90er nimmt und mit sphärischen Keyboard-Flächen in den schwerelosen Raum entführt. Fünf Tracks, fünf Entwürfe, ein klares Ziel: voll auf die Zwölf, voll nach vorn, aber eben mit großem Stil.

Wie außergewöhnlich er ist, zeigt auch das Feedback vieler Genre-Kollegen. So wurde er bereits 2012 auf eine große Australien-Tournee eingeladen und supportete außerdem deadmau5 während seiner Deutschland-Tour, wo er allabendlich vor mehr als Tausend Menschen auftrat.  Noch einschneidender für ihn aber war folgendes Erlebnis: „Eines Tages machten mich Freunde darauf aufmerksam, dass Skrillex auf seiner Facebook-Fanpage einen Remix von mir gepostet hatte. Daraufhin folgte er mir bei Twitter und schrieb mir, dass er meine Produktionen mag. So entstand eine regelmäßige Kommunikation, bis heute.“ Und nun erscheinen seine Veröffentlichungen u.a. in den USA über das Skrillex-eigene Label OWSLA. Eine größere Ehre, ja geradezu einen Ritterschlag als junger Techno-Produzent mit klarer Vision und großen Zielen kann es eigentlich nicht geben. 

Nachdem ETИIK das aktuelle Jahr viel auf Tournee verbrachte und zahllose umjubelte Gigs überall auf der Welt spielte, stellt er nun am 17. Oktober seinen nächsten Streich vor: Die „Unclassified“-EP, erneut veröffentlicht via OWSLA, mit der der junge Künstler erneut beweist, dass er vollkommen unkategorisierbar bleibt. Dazu höre man nur den titelgebenden Track „Unclassified“, auf dem sich ETИIK nun auch dem HipHop zuwendet. Mit unfassbar scharfen Rhymes von Mykki Blanco gelingt ihm in diesem kurzen, peitschenden Stück der Spagat zwischen futuristischem Rap und dunkler Club-Hymne. Weitere Tracks der neuen EP sind das hinter einem drückenden Techfunk-Beat geheimnisvoll simmernde „Take a Shot“, das extrem minimalistisch pumpende, mit Classic-90s-Beats versehene „N7“, das jeder Clubnacht zum Höhepunkt gereicht, sowie der knackig funkige Techno-Track „Nighthawk“. Mit diesen neuen Tracks legt ETИIK erneut eine EP vor, die in der gegenwärtigen Elektronikmusik absolut herausragend ist. More to come...

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