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Nein, IDK steht in diesem Fall nicht für "I Don't Know". "Ignorantly Delivering Knowledge" - kurz IDK - heißt der Künstler aus Prince George's County, Maryland, der seine Musik wie sein Leben seit jeher einer höheren Mission widmet: Große Ideen möglichst zugänglich für alle zu machen. Dabei bedient sich der Rapper einem einzigartigen Mix aus smart-witziger Lyrik, perkussiven Flows und...

Nein, IDK steht in diesem Fall nicht für "I Don't Know". "Ignorantly Delivering Knowledge" - kurz IDK - heißt der Künstler aus Prince George's County, Maryland, der seine Musik wie sein Leben seit jeher einer höheren Mission widmet: Große Ideen möglichst zugänglich für alle zu machen. Dabei bedient sich der Rapper einem einzigartigen Mix aus smart-witziger Lyrik, perkussiven Flows und einer chamäleonartigen Musikalität. So verwandelt einer der konzeptionellsten Praktiker des Rap seine philosophischen Gedanken und Lebenslektionen in musikalische Kunst-Stücke. Auf seinem neuesten und bisher umfangreichsten Werk USEE4YOURSELF bespielt er virtuos alle Themen unserer Zeit: von Liebe, Männlichkeit und Materialismus bis zu den vielschichtigen emotionalen Auswirkungen einer schwierigen Kindheit. So wird seine Platte zu einer intensiven Charakterstudie, gefüllt mit unvorhersehbaren Features, Erinnerungen an seine Kindheit und umrahmt von heftigen Beats und großen Produktionen.

"Die Leute müssen wissen, dass ich in erster Linie Produzent bin", so IDK. "Denn es ist eine Sache, einen Song zu produzieren. Es ist eine ganz andere, einen Künstler zu produzieren, d.h. zu verstehen, was man für einen bestimmten Song braucht, all dies zusammenzustellen und es am Ende in ein Album zu verwandeln".

USEE4YOURSELF ist gespickt mit Features von Young Thug, Slick Rick, Offset und anderen und fungiert als eine Art Schaubühne für unterschiedlichste Stilrichtungen. So entlädt sich das Feature "Pradada Bang" mit zirpenden Trap-Synths wie ein Feuerwerk, bei "Red" holt sich IDK Größen wie Westside Gunn, Jay Electronica und die Legende MF DOOM ins Boot, um inmitten einer cleveren Neuinterpretation von Big Tymers "Still Fly" über einen orchestralen Beat zu spitten. Frei von jeglichen Regeln und zugleich kontemplativ, unterstreicht der Track die Philosophie hinter der Musik des Rappers. "Ich wollte das machen, was die Hip-Hop-Heads machen würden. Nur eben zeitgemäßer, futuristischer - und ganz nebenbei eine Hymne für die Girls schaffen", so IDK beiläufig über seine Mission. Und tatsächlich verbindet er auf USEE4YOURSELF dank eklektischer Gäste und ambitionierter, genreübergreifender Instrumentals leicht und fantasievoll unterschiedliche musikalische Welten - und zieht so virtuos den Kreis zu seiner Mission, sein Wissen mit Hörer:innen unterschiedlichsten Couleur zu teilen.

Geboren als Jason Mills, begann IDK seine musikalische Reise etwa ein Jahrzehnt nachdem er für einen bewaffneten Raubüberfall verurteilt wurde. Mehr zum Zeitvertreib verfasste er im Gefängnis Raps und trug sie seinen Insassen vor. Nach seiner Entlassung 2012 fand er jemanden, der ihm sein Studio kostenlos zur Verfügung stellte. Das war der Moment, an dem er seinen Unterricht am Community College abbrach, um sich auf seine Rap-Karriere zu fokussieren. Ob er überzeugt davon war, dass dies auch Früchte tragen würde? Keinesfalls. Dennoch veröffentlichte er schließlich 2014 sein Debütprojekt Sex, Drugs & Homework und lancierte noch im selben Jahr den Boom-Bap-Track "Hungry" über zerrüttete Vorstadterziehung und Dominanzsucht im Rap.

Sein eigener Stil und seine individuelle Erzählweise begann sich 2015 mit dem gefeierten Album Subtrap - ein Wortspiel aus "Trap mit Substanz" - herauszukristallisieren, ein faszinierender, ganz persönlicher Stilmix aus harter Straßenrealität und Schießereien, seiner eigenen Lebensgeschichte und unverfänglichen Erzählungen wie der, dass er sich in eine Barkeeperin verknallt hat. Obwohl IDK, damals noch als Jay IDK bekannt, längst seinen eigenen Stil gefunden hatte, wurde er aufgrund seiner Themenwahl und seiner lebhaften Stimme nicht selten mit Kendrick Lamar verglichen. Noch Jahre nachdem der Hot-97-Moderator Peter Rosenberg ihm zugesagt hatte, seine Musik auf seinem Sender zu spielen und sich längst eine nachhaltige Musikkarriere für ihn herauskristallisierte, hielt der Rapper den Druck auf sich selbst aufrecht: "Es gab eine Menge Dinge, die ich noch herausfinden und lernen musste", so IDK.

Introspektive Musik ist mittlerweile Teil seiner Handschrift. Bestes Beispiel: Sein 2019 veröffentlichtes Album Is He Real?, mit dem er sich keiner geringeren als der größten aller existenziellen Fragen stellt - der nach Gott. Elementar waren auch die Vorbereitungen zu USEE4YOURSELF, stets angetrieben von der Frage, wie er sich selbst als Künstler und als Mensch verbessern könne. Seine Erkundungen führten ihn dabei zu einem Gespräch mit seiner verstorbenen Mutter - ein Gespräch, dem er sich jahrelang entzogen hatte. "Das gesamte Album spiegelt dieses Gespräch wider", so der Künstler. Das Ergebnis dieser Zeit der intensiven Reflexion sei ein neues, gereifteres Selbst. "Ich denke, ich bin viel reifer in der Art und Weise, wie ich Dinge heute betrachte", so IDK.

Welche tiefschürfende Bedeutung Musik für IDK hat, beweist er auch mit seiner Anfang des Jahres auf Apple Music angelaufenen Radiosendung Radio Clue. Sein Thema: Die Beziehung zwischen Musik und Erinnerungen. Zudem startet der Rapper rund ein Jahrzehnt nach seinem College-Abbruch im Herbst dieses Jahres ein zehntägiges Harvard-Musikbusiness-Programm mit Fokus auf BIPoC-Student:innen - eine Art Fortführung seiner im Gefängnis begonnenen Mission, Insassen zum Schulabschluss zu verhelfen. "Ich habe ein Wissen und ein Verständnis dafür, wie man Dinge besser machen kann. Es ist mein Anspruch, das nicht allein für mich zu behalten", so IDK. "Wie wir unser Erbe aufbauen, wie wir unsere Communitys bilden - es ist unabdingbar, dieses Wissen weiterzugeben".

Diesen roten Faden webt er selbstverständlich auch in die Leitung seines Plattenlabels Clue Records ein, ein vor zwei Jahren gegründetes Warner Records Joint Venture. Ganz im Producer-Mindset veröffentlichte sein Label im letzten Sommer IDK & FRIENDS 2 - ein Soundtrack prall gefüllt mit DMV-Künstler:innen, entstanden aus seiner Tätigkeit als Music Supervisor der Kevin-Durant-Doku Basketball County: In the Water.

Es scheint, als habe es sich IDK schon lange zur Gewohnheit gemacht, sich selbst zu übertreffen. Mit jedem neuen Projekt und Track wagt er, größer zu träumen. Seine im April mit Offset veröffentlichte Single "Shoot My Shot" wurde zu seinem bisher größten Debüt. Mit dem Nachfolger "Peleton" sichert er sich dank gefühlvoller Beats und einem Schuss Falsett einen festen Platz in den Sommer-Playlists rund um den Globus. Nach Jahren eindringlicher Selbstreflexion und tiefgreifender Instrumentals, hat er nun endlich gelernt, seine Erfolge zu genießen. Sich deshalb auf seinen Lorbeeren auszuruhen, kommt für den 29-Jährigen trotzdem nicht in Frage: "Ich stehe in Konkurrenz mit mir selbst. Nur mit mir selbst. Und: Ich schlage mich jedes Mal selbst", so der Künstler.

Wer bei IDK jetzt also noch an "I Don't Know" denkt, hat wirklich keine Ahnung.

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