Santigold

Bild von Santigold

„Ich mache nicht nur für mich selbst Musik”, sagt Santigold in nüchternem Ton. „Ich achte sehr darauf, Musik zu machen, die mehr Leuten gefällt als nur mir selbst.“ In einer von Prahlerei durchdrungenen Branche gibt es wenige Musiker, denen an der Zen-artigen Balance gelegen ist, die im Erschaffen erfüllender Kunst verborgen liegt. Doch genau dieser Schnittpunkt zwischen Integrität und...

„Ich mache nicht nur für mich selbst Musik”, sagt Santigold in nüchternem Ton. „Ich achte sehr darauf, Musik zu machen, die mehr Leuten gefällt als nur mir selbst.“ In einer von Prahlerei durchdrungenen Branche gibt es wenige Musiker, denen an der Zen-artigen Balance gelegen ist, die im Erschaffen erfüllender Kunst verborgen liegt. Doch genau dieser Schnittpunkt zwischen Integrität und Faszination macht den eigentlichen Reiz ihrer eigenwilligen Persönlichkeit aus und kommt auf ihrem neuesten Album „99¢“ (Vö 22.01.), einer meist spielerischen Satire über ihre eigene ‘Marke’, zur vollen Entfaltung.

Auf dem ‘99¢’ -Album-Cover prange ich vakuumverpackt, umgeben von allerlei Besitztümern – mein Leben im Paket sozusagen“, erklärt sie das Artwork. „Es geht darum, wie alles heutzutage ein verpacktes und verkäufliches Produkt ist, wie wir selbst uns, unser Leben und unsere Beziehungen verpacken.

Santigolds unverblümte, unverkennbare Stimme trat erstmalig 2008 im Rahmen ihres pulsierenden Debüt-Albums „Santogold“ mit den Single-Auskopplungen „L.E.S. Artistes“ und „Creator“ an die Öffentlichkeit. Beide Songs wurden von Rolling Stone und Pitchfork gleichermaßen gelobt und beide setzten sich mit der grundsätzlichen Frage nach Authentizität auseinander. Der etwas dunklere Nachfolger „Master of My Make-Believe“ – mit der ikonischen Post-Punk-Hymne „Disparate Youth“ im Mittelpunkt – katapultierte sich zur Veröffentlichung an die Spitze der Billboard ‘Dance/Electronic’- und ‘Top 200’-Charts. Doch wohin als Nächstes?

„Als ich in Folge der ‘Master of My Make-Believe’-Tour nach Hause zurückkehrte, sagte ich, ‘jetzt möchte ich etwas völlig anderes machen’“, beschreibt sie. Also rief sie für die Marke Smashbox eine postapokalyptische Makeup-Linie ins Leben, designte trippige Socken für Stance und spielte die gelegentliche Gastrolle bei „The Office“ oder „NTSF:SD:SUV::“ auf Adult Swim. „Hätte ich das alles nicht getan, wäre ich wohl auch nicht bereit gewesen, neue Musik zu machen“, sagt sie.

Außerdem verbrachte sie viel Zeit mit ihrem neuen Sohn, der mitverantwortlich für das ausgesprochen sonnige Gemüt von „99¢“ ist. „Er zwingt mich sozusagen die Dinge so zu nehmen, wie sie kommen, was meiner eigenen, natürlichen Art völlig widerspricht“, lacht sie. Diese neue Sicht der Dinge offenbart sich schon beim optimistisch trällernden Album-Opener „Can’t Get Enough of Myself“. „Ich habe mich sehr bemüht heitere Texte zu schreiben“, fügt Santigold hinzu. „Das ist manchmal gar nicht so einfach, da ich einen eher dunklen Sinn für Humor habe.“

Ungefähr acht Monate dauerte es, bis sich ihre neue Vision manifestierte. Unterstützung dabei erfuhr sie von einer Reihe Kollaborateuren mit poppigeren Visionen, darunter auch Produzenten wie Patrik Berger (Robyn, Icona Pop) und John Hill (Florence + The Machine, Charli XCX) sowie eklektischere Persönlichkeiten, die für ihre weltoffeneren Sounds bekannt sind, wie etwa Rostam Batmanglij von Vampire Weekend oder Dave Sitek von TV on the Radio. Mit ihnen begab sie sich ins Studio, um eine unterhaltsame Platte zu produzieren. „Mein letztes Album hatte etwas Ernstes an sich“, sagt sie. „Diesmal geht es spielerischer zu Sache, aber trotzdem mit Aussage.“

„99¢“ entstand in New York und Los Angeles mit einem kurzen Abstecher nach Jamaika, wo Santigold gerne ihre Texte schmiedet. „Ich habe dort einen Ort, mitten im tropischen Urwald, mit einem Balkon, der den Blick auf endlose Bäume, den Horizont und den Ozean freigibt“, schwärmt sie. „Da steht man um sieben Uhr morgens auf und die Wörter sprudeln einfach so aus einem heraus.“ Ihr Blickwinkel mag sich verändert haben, doch „99¢“ ist und bleibt tief in ihrer Person verankert: Mutige Rhythmen, progressive Melodien und wandelbare, globale Sounds.

Dabei galt es ebenso den richtigen Elan, wie auch eine hohe Bandbreite an Klängen und Emotionen einzufangen. Tracks wie der lebensbejahende und von Afro-Beats durchzogene “Banshee” oder der im New Wave verortete “Rendezvous Girl” gehen darauf mit übersinnlicheren, existentielleren Produktionen wie „Chasing Shadows“, „Before the Fire“ (gemeinsam mit Indie-Soul-Künstler Sam Dew geschrieben) und „Walking in a Circle“ einher. Letzterer „handelt davon, wie ich mich manchmal als Künstlerin in diesem Klima fühle. Dieses Gefühl festzustecken“, erklärt sie. „Der Song handelt von dem fortwährenden Kampf an einen Ort zu gelangen, der Spaß macht.“

Ihre heutigen Einwände sind ins Kontemplative übergegangen. „Ich wollte sehr persönliche Songs schreiben“, sagt sie. „Vor Santigold, in meiner anderen Band, schrieb ich Songs wie Tagebucheinträge. Für dieses Album habe ich versucht einige Songs zu schreiben, die wirklich von mir und meinen Erfahrungen handeln.“ Auf „Who Be Loving Me“ – produziert von Zeds Dead mit Feature von ILoveMakonnen – vermengt sie in wahrer Santigold-Manier introspektive und humorvollere Momente und erzählt eine leicht prahlerische Geschichte über die Fan-Liebe.

„Du kannst dich den lieben langen Tag über Dinge aufregen. Oder du sagst dir, ‘das ist verrückt und eigentlich ganz witzig’. Und dann spielst du ein wenig damit herum und machst großartige Kunst“, sagt sie abschließend. „Für dieses Album musste ich offener und weniger perfektionistisch sein.“ Ironischerweise legt sie mit „99¢“ ihr bislang vielschichtigstes und ambitioniertestes Album an den Tag. „Mir ist bewusst geworden, dass meine Arbeit eine Collage ist, die ich in alle Richtungen bewegen kann.“

Aktuelle Videos

News von Santigold