Soko

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Irgendwo tief in dem Herzen eines jeden Punks steckt im Grunde doch nur ein kleines Kind, das geliebt werden will. Geprägt von negativen Emotionen wie Verlust und Herzenskummer, wurde aus dem französischen Multitalent und Sängerin Soko die Art von Rebellin, die statt bösen Blicken aus schwarz umrandeten Augen lieber Küsschen verteilt, den Zuhörern statt der Brieftasche lieber ihre Herzen stielt...

Irgendwo tief in dem Herzen eines jeden Punks steckt im Grunde doch nur ein kleines Kind, das geliebt werden will. Geprägt von negativen Emotionen wie Verlust und Herzenskummer, wurde aus dem französischen Multitalent und Sängerin Soko die Art von Rebellin, die statt bösen Blicken aus schwarz umrandeten Augen lieber Küsschen verteilt, den Zuhörern statt der Brieftasche lieber ihre Herzen stielt und die ihr Seelenheil statt auf dem Grund einer Schnapsflasche lieber in einer anständigen Tasse Tee sucht. Und die zudem noch mit einer außerordentlich ergreifenden Stimme gesegnet ist. Tatsächlich dieselbe Person, die während ihrer Shows keine Sekunde zögert, Chaos und Zerstörung anzurichten, die auf der Bühne Räder schlägt, so oft sie nur kann und die ihre Gefühle abwechselnd auf einer bis zum äußersten Anschlag verhallten E-Gitarre, einem Bass, einem Keyboard und Drums heraus lässt, während sie sich hingebungsvoll das Herz aus dem bebenden Leib singt.

Früher eher eine leise, introvertierte Singer/ Songwriterin, wurde ihr Sound schnell eins mit ihrer wilden und unzähmbaren Persönlichkeit. Drei Jahre nach Release des viel beachteten Albumdebüts „I Thought I Was An Alien“ hat Stéphanie Alexandra Mina Sokolinski nun ihren ehemals unschuldigen, aber doch irgendwie morbiden Folk-Sound zu ihrem brandneuen Album „My Dreams Dictate My Reality“ transformiert. Produziert wurde das neue Album von niemand Geringerem als der amerikanischen Studio-Ikone Ross Robinson (Korn, Slipknot, Klaxons), der ebenfalls für eine Platte ihrer absoluten Lieblingsband The Cure verantwortlich zeichnet. Auf einem Stück, dem hypnotischen Duett „Lovetrap“ ist zudem ihr guter Freund, US-Singer/ Songwriter und Lo-Fi-Magier Ariel Pink zu hören.

Nach über sieben Monaten gemeinsamer Arbeit in Robinsons Studio in Venice Beach kristallisierte sich schließlich eine geheimnisvoll blubbernde Indie-Pop-Hybridmischung heraus: Ein sofort süchtig machender Zaubertrank aus ätherischen 80er Jahre Goth-Einflüssen, verfeinert mit einer winzigen Priese kalifornischen Sonnenscheins. Ein weiterer Hauptbestandteil – ihre schonungslose, fast schon offensiv offene Art – verwandelt jeden einzelnen ihrer neuen Tracks in entwaffnend ehrliche, vertonte Mini-Geständnisse. „Ich wollte diesmal ein etwas kraftvolleres Album machen“, erklärt Soko. „Eines, das zwar immer noch ein wenig irreal, träumerisch und dunkel sein sollte, trotzdem fühlte ich mich ganz wohl dabei, mich in etwas atmosphärerischere Goth- und Punk-Sounds zu hüllen. Ich habe auf dem Album zum aller ersten Mal sämtliche Bässe alleine eingespielt. Ich habe mir eine Fender VI Baritone-Gitarre zugelegt, von der ich absolut besessen war. Ich habe auf alles maximale Chorus- und Hall-Effekte draufgeknallt und mir vorgestellt, ich wäre in den 80ern das Kind von Robert Smith gewesen! Mit diesem Bild vor Augen habe ich jede Menge Schweiß und Blut vergossen; ich habe meine Seele verkauft, um vorm Mikrophone die ehrlichste Performance abzuliefern, zu der ich überhaupt fähig war. Ich hätte mir keinen besseren Producer als Ross Robinson vorstellen können, um diese extrem intensiven Momente einzufangen.“

Auf „My Dreams Dictate My Reality“ präsentiert sich Soko nun als genau der rebellische Teenager, der sie früher nicht sein durfte. Im vergangenen Jahr verpasste sie sich selbst ein umfassendes Extrem-Make-Over, bei dem sie ihre braune Meerjungfrauenmähne zum phosphorblonden „uneheliche Tochter von Andy Warhol“-Look umbleichte, ihr Hippie-Outfit gegen einen edel-trashigen „White Goth“-Stil eintauschte, einen völlig fremden Typen im „First Kiss“-Viral-Video knutschte und schließlich grinsend zusah, wie ihre Beziehungsballade „We Might Be Dead By Tomorrow“ an die absolute Spitze der Billboard-Charts schoss. Außerdem war ihre sexy Computerstimme in Spike Jonzes vielfach Oscar- und Golden Globe-prämiertem Science Fiction-Drama „Her“ zu hören. Sie arbeitete mit Brian Jonestown Massacre-Frontmann Anton Newcombe auf dessen kommendem Soloalbum, sang und schrie auf Ariel Pinks Album „Pom Pom“ und schrieb und sang diverse Stücke auf Theophilus Londons aktuellem Album „Vibe“, darunter auch der HipPop-Schlüpferstürmer „Smoke“. Doch statt sich auf den Lorbeeren eines ebenso erfolgreichen wie explosiven Jahres auszuruhen, konzentriert sich Soko nun wieder auf das, was sie am besten kann und was ihr am meisten Spaß macht: Sich um jeden noch so kleinen Aspekt ihrer eigenen Kunst zu kümmern; vom Songwriting bis hin zur Regie und Produktion ihrer Videoclips.

Und wie jeder passionierte Künstler legt auch Soko ihr Herz in die Hände ihres Publikums: Ob als Opening-Act auf der US-Arenatour von Foster The People oder in kleinen Venues – Soko strahlt auf jeder Bühne pure Emotion aus, geht ganz in ihrem gebannten Publikum auf und nimmt die Zuhörer mit auf ihre ganz eigene Reise. Eine Reise durch Glück und Schmerz, auf der es sich sogar gut und richtig anfühlen darf, zusammen mit ihr Tränen zu vergießen. Ein kompromissloser Freigeist-Spirit, der nicht nur ihre Shows bestimmt, sondern sich auch in ihrem Privatleben reflektiert, in dem sie ebenso kompromisslos liebt. Völlig unabhängig von Geschlecht oder gesellschaftlicher Moralvorstellungen. Es ist einzig der Moment, der zählt.

Der ganz persönliche Ausdruck einer starken Frau, wie Soko auch im letzten Herbst bei ihrer Show in New York eindrucksvoll bewiesen hat: Während sie den neuen Song „Who Wears The Pants“ performte (eine Art Gay-Rights-Hymne, die sie selbst schmunzelnd als „der absolut lesbischste Track“, den sie jemals geschrieben hat, bezeichnet), tanzte sie mit nacktem Oberkörper zum Slogan „everybody take your shirt off“ mit einer lebenden Ratte auf der Schulter in einem wahren Zuschauermeer. Sich vor ihrem Publikum auszuziehen, bedeutet für die eigentlich introvertierte Pop-Poetin nur die konsequente Fortführung ihrer Kunst; macht sich Soko doch auch in ihren Texten buchstäblich nackt, wenn sie singt „I thought I was a witch, was I responsible for the death of all the people that I loved the most?“ (aus „Ocean Of Tears).

Fakt ist: Es ist keine leichte Sache, ein sensibler Punk zu sein. Für Soko bedeutet jeder neue Tag eine weitere Gratwanderung.

„Ich bin komplett zerrissen zwischen dem Willen, stark und stabil mein Leben zu leben, und auf der anderen Seite dazu verdammt zu sein, eine verfluchte hypersensible Heulsuse zu sein, die Songs über diesen Zwiespalt schreibt. Ich würde mich als absoluten Workaholic und einen Controlfreak beschreiben; es geht mir sehr schlecht, wenn ich nicht ständig kreativ sein kann. Ich habe schon immer aus einer sehr verletzlichen Position heraus geschrieben; über Dinge, die mir unglaublich wichtig sind - ob es darum geht, zu verstehen, was in meinem Kopf oder meinem Herzen vor sich geht, den Sinn meines Lebens zu hinterfragen oder meine manische Todesangst zu erforschen. Ich will, dass die Songs meine irgendwie ganz schön sonderbaren Gedanken widerspiegeln; als würde man ein musikalisches Foto von dem machen, was in meinem Kopf passiert und es danach in Blut, Schweiß und Tränen tränkt, um ein vages Gespür für meine gebrochene Seele zu bekommen.“

Und so scheint „My Dreams Dictate My Reality“ nur so vor Existenzangst, Hilfeschreien und schaurig-schönem Chaos überzusprudeln. Angefangen bei ihrer Bitte um Vergebung auf „Temporary Mood Swings“, in dem sie sich als Opfer ihres eigenen Schicksals präsentiert, über den Song „Peter Pan Syndrome“, auf dem sie ihr fast manisch übersteuertes Bewusstsein für die eigene Sterblichkeit zum Ausdruck bringt. Der Wille, ewig jung zu bleiben – bei Soko eher ein Drang, Dinge ungeschehen zu machen: Schon vor ihrem heutigen Dasein als Punk irgendwo in den Zwanzigern war Soko der Fall des klassischen Outsiders, wurde schon früh erwachsen und verließ im Alter von erst 16 Jahren schließlich auf eigene Faust ihr kleines Dorf vor den Toren von Bordeaux. Die Auseinandersetzung mit Schmerz und Verlust in jungen Jahren ist bis heute eines ihrer Hauptmotive - „My Dreams Dictate My Reality“ stellt sowohl eine Konfrontation mit ihrer dunklen Vergangenheit, als auch den Ausdruck ihrer selbst geschaffenen Realität dar.

„Ich wollte nur wie jedes andere Mädchen ohne Sorgen aufwachsen und eine normale Kindheit haben, doch das Schicksal hat mir einen harten Schlag ins Gesicht verpasst. Viele Menschen sind in sehr kurzen Abständen nacheinander gestorben: Mein Dad, meine Großeltern, so viele andere aus meiner Familie. Es kommt mir heute vor, als hätte man mich meiner Kindheit beraubt und mir schon sehr früh zu viel Verantwortung aufgebürdet, die ein kleines Kind einfach nicht tragen sollte. Ich musste zu früh zu schnell erwachsen werden – nun fordere ich meine Kindheit zurück! Ein Großteil des Albums handelt genau davon: Mir selbst zu erlauben, von einem besseren Leben zu träumen; einem Leben, das ich in der Realität nie hatte.“

Soko transformiert das Unglück und die Dunkelheit früherer Tage zu einer unbefangenen, fast ekstatischen Performance; der Opening-Track „I Come In Peace“ ist ihr ganz persönlicher, in Worte und Musik gefasster Überlebenswille. „My Dreams Dictate My Reality“ ist ihr ureigenes Requiem, das sie ihrem alten Selbst widmet, um mit ihren inneren Dämonen endgültig Frieden zu schließen und heute völlig neu anzufangen. Ein ebenso schmerzhafter, wie auch reinigender Prozess, den Ross Robinson wohl am besten beschreibt: „Für Soko gibt es nur zwei Alternativen – ihre Musik oder der Tod.“

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