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Die Zeitenwende wird gleich in den ersten Takten der zweiten LP von SWMRS eingeläutet. Noch wähnt man sich mit dem Quartett aus Oakland in vertrauten Rock-Gefilden, als plötzlich ein elektronischer Beat reinkickt, der einen aus der Bahn wirft. Derartige Momente tragen sich über die zehn Tracks von Berkeley’s On Fire immer wieder zu, der bisher zwingendsten, elektrisierendsten und bahnbrechendsten Arbeit...

Die Zeitenwende wird gleich in den ersten Takten der zweiten LP von SWMRS eingeläutet. Noch wähnt man sich mit dem Quartett aus Oakland in vertrauten Rock-Gefilden, als plötzlich ein elektronischer Beat reinkickt, der einen aus der Bahn wirft. Derartige Momente tragen sich über die zehn Tracks von Berkeley’s On Fire immer wieder zu, der bisher zwingendsten, elektrisierendsten und bahnbrechendsten Arbeit der Band. „Es begann damit, dass wir uns darüber unterhielten, wie man innerhalb des Rock-Genres etwas komplett Neues machen kann“, sagt Co-Frontmann und Songwriter Cole Becker. „Das war es, worüber wir tagtäglich sprachen.“

Eine der größten Herausforderungen der Rockmusik ist es, die Grundannahme zu überwinden, es sei als Genre seiner eigenen Geschichte zu großer Dankbarkeit verpflichtet. Cole und seine Bandkollegen Max Becker (Gitarre, Gesang), Joey Armstrong (Drums) und Seb Mueller (Bass) fanden heraus, dass man, wenn man diese Geschichte fragmentiert und dekonstruiert, neue Reviere erschließen und etwas Brandneues formen kann. „Wir empfinden eine derartig tiefe Liebe zur Rockmusik“, sagt Max. Als die Becker-Brüder aufwuchsen und erstmals die Ramones und The Clash hörten, fühlten sie die Wahrhaftigkeit und Rauheit. „Es hatte so viel Potenzial, die Weise zu verändern, wie Leute denken und fühlen“. Im Verlauf des letzten Jahrzehnts wurde Rock aus einer ganzen Reihe von Gründen zu einem schmutzigen Wort, das Bilder einer abgehobenen, einfallslosen Rock-Nostalgie heraufbeschwor. SWMRS wollen das Wort zurückerobern, es wieder cool machen. Schließlich haben die Kindheitsfreunde ihr gesamtes Leben in diese Kunstform investiert und begannen bereits im zarten Alter von 13, Konzerte in ihrer heimischen Bay Area zu spielen.  

2016 veröffentlichten SWMRS ihr erstes Album Drive North über ihr eigenes Label, Uncool Records. Der DIY-Move zahlte sich in hohem Maße aus, unter anderem rühmten Rolling Stone, Noisey, Nylon und Billboard die Gruppe, die zudem als erste ungesignte Band in der The Late Late Show With James Corden performten (zugleich ihr Late-Night-Debüt) und es mit ihrer Musik bis auf den Runway von Saint Laurent auf der Paris Fashion Week brachten. Nach internationalen Headlinertouren und Festivalauftritten unterschrieben SWMRS bei Fueled By Ramen, die das Album wiederveröffentlichten.

Im Frühjahr 2018 begab sich die Band nach Los Angeles, um mit dem stets vorwärtsdenkenden Producer Rich Costey (MUSE, At The Drive In, Death Cab for Cutie) zu arbeiten. Über den Verlauf von zwei Monaten bewegten sie ihre Ideen hin und her, an denen sie seit dem letzten Album gearbeitet hatten. Das Ergebnis ist etwas, das man nicht nur von SWMRS noch nie zuvor gehört hat, sondern auch von keiner anderen zeitgenössischen Punkband vor ihnen. Costey zertrümmerte mit einem Vorschlaghammer jegliche vorgefasste Meinung darüber, was die vier erschaffen sollten der könnten. Genres? Zum Henker damit! Klangliche Beschränkungen? Aus dem Fenster werfen! Es war ein Herumprobieren im großen Stil, das mehr mit der spaßigen, experimentellen Geisteshaltung von Bands wie Beastie Boys, Rage Against The Machine, De La Soul oder der Bay Area Hyphy-Rapmusik der 90er gemein hat als bei allen vergleichbaren Vorgängern der Band. Die Vielfalt ist Ausdruck einer Generation, die mit Streaming-Devices großgeworden ist. SWMRS machen Musik so, wie sie sie konsumieren – hyperaktiv.

„Wir haben den Details so viel mehr Aufmerksamkeit geschenkt“, berichtet Cole über den Perfektionsdrang der Band. Es konnte schon mal zwei Wochen dauern, bis der richtige Drum-Sound gefunden war. Was die Band jedoch keinesfalls als stressiges Unterfangen begriff, ganz im Gegenteil: sie waren dankbar, die Zeit zu haben, alte Sounds zu recyceln und diesen neuen Pastiche zu erschaffen, in dem Pop-Rock („Too Much Coffee“) und Breakbeat („Lose Lose Lose“), Emo-Punk („April In Houston“) und klimpernder Power-Pop („Trashbag Baby“) gleichermaßen zur Geltung kommen.

„Alle sprechen davon, dass Rock tot ist. Das ist kompletter Bullshit“, sagt Max. „Wir haben gerade einmal die Spitze des Eisbergs gesehen.“

Nachdem sie miterlebten, wie ihre Heimatstadt 2017 infolge von Krawallen in einen medialen Wahnzustand verfiel, fanden sie es angemessen, das Album Berkeley's On Fire zu nennen. In einer Zeit, da Feuer für Kalifornier mit so vielen lebhaften und schmerzvollen Bildern assoziiert ist, wollen SWMRS die Ängste ihrer Generation dokumentieren und zugleich die Hoffnung bestärken, dass sich eine neue Welt mit optimistischen Möglichkeiten aus der Asche erhebt. Wie die meisten jungen Menschen sind es SWMRS satt gesagt zu bekommen, dass sie unfähig seien, die Welt um sich herum zu verändern. Stattdessen tragen sie eine Fackel der Hoffnung, dass es eine Zukunft gibt, für die es sich zu kämpfen lohnt.

Unter dem Strich ist es ein Album über die Dringlichkeit in einer Zeit, da die junge Generation den Druck auf ihren Schultern trägt, Amerika – und die Welt – vorwärts zu tragen. „Wenn man um die Welt reist und versucht, mit Leuten seines Alters ins Gespräch zu kommen, findet man die abenteuerlichsten Gemeinsamkeiten“, so Max. „Wir alle wollen dieselbe Sache. Die Welt ist kleiner, als man denkt.“ Der Schreibprozess half Max und Cole, ihre eigenen Ängste zu überwinden. „April In Houston“ zeigt den ansonsten lauteren, offensiven Cole von seiner bisher introspektivsten Seite. In „Too Much Coffee“ dokumentiert Max seine inneren Kämpfe, zu einer Haltung der Selbstakzeptanz zu finden und daraus zu lernen, seiner eigenen Stimme zu vertrauen. Langjährige Fans werden an „Trashbag Baby“ ihre besondere Freude haben – es ist das erste Mal, dass beide Beckers gemeinsam in einem Song singen. „Ich hatte den Song bereits eine Weile in der Mache. Der Riff war cool, aber der Gesang war noch nicht cool genug. Was würde ihn cool genug machen? Cole!“, schildert Max. Der Vorgang zeigt sinnbildlich, wie die Brüder gemeinsam ihre individuellen Probleme lösen.

Die Band scharrt bereits ungeduldig mit den Hufen, das neue Material mit ihrer Anhängerschaft zu teilen, zu denen sie über die sozialen Medien eine enge Verbindung pflegen. Es ist eine symbiotische Beziehung, in der SWMRS ebenso viel durch die Perspektiven ihres Publikums lernen, wie ihre Fans von ihnen. Und was die Tatsache angeht, dass Gitarren-basierter Musik der Trendfaktor abgeht: nichts könnte ihnen gleichgültiger sein. Vielmehr sind sie angespornt von der Freiheit, alle möglichen Dinge auszuprobieren. „Wir spielen gewissermaßen auf Risiko“, sagt Max. „Ich bin es müde, mich mit dem zu langweilen, was ich höre“. Durch das Touren hoffen sie, nicht nur einen sicheren Ort zu erschaffen, sondern auch eine einladende Community für alle, die Liebe füreinander empfinden und ihr volles Potenzial entfalten wollen. „Ich will den Leuten das Gefühl geben, das ich hatte, als ich auf mein erstes Punkkonzert ging“, sagt Cole. „Über der Welt zu schweben, sich voller Leben zu fühlen.“

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