The Magnetic Fields

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Kürze war schon oft der Kern von Magnetic-Fields-Komponist Stephin Merrits Scharfsinnigkeit. Obwohl seine meistgerühmten Werke - der Meilenstein "69 Love Songs" (1999) und zuletzt "50 Song Memoir" - von gewaltiger konzeptioneller Breite waren, bestehen doch ihre einzelnen Stücke mehrheitlich aus sorgsam gefertigten, verschlagen-humorvollen Miniaturen. "Quickies" präsentiert seine durchweg winzigsten Miniaturen: der längste Track, eine Neuinterpretation einer Shaker-Hymne namens "Come, Life,...

Kürze war schon oft der Kern von Magnetic-Fields-Komponist Stephin Merrits Scharfsinnigkeit. Obwohl seine meistgerühmten Werke - der Meilenstein "69 Love Songs" (1999) und zuletzt "50 Song Memoir" - von gewaltiger konzeptioneller Breite waren, bestehen doch ihre einzelnen Stücke mehrheitlich aus sorgsam gefertigten, verschlagen-humorvollen Miniaturen. "Quickies" präsentiert seine durchweg winzigsten Miniaturen: der längste Track, eine Neuinterpretation einer Shaker-Hymne namens "Come, Life, Shaker Life", kommt auf 2:35 Minuten Länge, der kürzeste, die unzerschnittenen Worte "Death Pact (Let's Make A)", auf siebzehn luftige Sekunden.

"Quickies" beschreibt nicht nur das Format dieser Sammlung, die auf fünf Vinyl-EPs Platz findet, sondern in vielerlei Hinsicht auch seinen Inhalt: kurze melodische Ausbrüche und Texte, die Träume und Sehnsüchte skizzieren, erotische Gedanken und Wunschvorstellungen. Merrits Ansatz wird besonders gut deutlich in "Bathroom Quickie", siebenundvierzig Sekunden sexuellen Verlangens, lieblich in Worte gefasst von der langjährigen Magnetic-Fields-Sängerin Shirley Simms. Merritt sagt: "'Bathroom Quickie' ist gewissermaßen das Manifest des Albums. Ähnlich wie 'The Book of Love' das Manifest von ‚69 Love Songs' wurde, ist ‚Bathroom Quickie' der Dreh- und Angelpunkt von ‚Quickies'".

Der Vollzug ist darin nur eine Toilettenkabine entfernt, wenn sich doch nur eine diskrete und unbesetzte finden ließe! Auf ganz ähnliche Weise dreht sich ein Großteil von "Quickies" um Verlangen, sowohl reales als auch fantasiertes: einen sicheren und einladenden Ort zum Rumhängen zu finden ("Favorite Bar"); eine kümmerliche Ausstattung zur Schau tragen ("I Want Fangs and a Tail"); schwarzes Leder zu tragen und ein Motorrad zu fahren ("I Want To Join a Biker Gang"); einer nostalgie de la boue zu frönen ("I Want To Be A Prostitute Again"). Im fröhlichen "The Day the Politicians Died" scheint Merritt nichts weniger als die unausgesprochenen, aber fieberhaften Hoffnungen von Amerikas wuselnden Massen zu kanalisieren.

Die Idee zu "Quickies" entstand, während Merritt "50 Song Memoir" aufnahm, Magnetic Fields' 2017 veröffentlichte Fünf-Disc-Sammlung von fünfzig Tracks, von denen sich jeder mit einem anderen Jahr aus Stephins Leben bis zum Alter von 50 Jahren beschäftigte. Die "50 Song"-Tracks waren komponiert worden, bevor Merrit sich ins Studio begab, daher hatte er Zeit, an etwas Neuem zu arbeiten: "Ich hatte an dem Abend nichts zu tun, also habe ich im Grunde rumgekritzelt und eine Menge kurzer Sachen geschrieben, die komplett für sich zu stehen schienen."

Besonders inspiriert war er von der radikal kurzen "flash fiction" der gefeierten Kurzgeschichten-Autorin Lydia Davis gewesen, außerdem von seinen eigenen literarischen Versuchen als eine Art Kombination aus minimalistischem Dichter und Brettspiel-Enthusiast mit seinem 2014 veröffentlichten Buch "101 Two Letter Words": "Ich habe eine Menge Lydia Davis gelesen und generell sehr kurze Prosa, und hatte großen Spaß beim Schreiben von 101 Two Letter Words, dem Gedichtband über die kürzesten Wörter, die man bei Scrabble verwenden kann. Ich vermute mal, sehr kurze Songs lagen für mich in der Luft. Zudem habe ich in der Zeit viel barocke französische Cembalomusik gehört, was die Musik ist, die in Autos am besten klingt. Sie steht in keinerlei Konflikt mit dem Motorengeräusch. Cembalo eignet sich nicht für lange Träumereien. Also habe ich über jeweils ein Instrument nachgedacht, es für eine Minute oder so gespielt und dann wieder aufgehört. Dazu habe ich Erzählungen ersonnen, die nur einige Zeilen lang sind. Es gibt diese großartige Geschichte über Ernest Hemingway, ich weiß nicht, ob sie wahr ist. Jedenfalls wurde er nach einer sehr kurzen Romanidee gefragt und entgegnete: ‚Zum Verkauf: Babyschuhe. Nie getragen.' All das schwirrte mir im Kopf herum."

"Außerdem", fährt er fort, "nutzte ich meist kleine Notizbücher, sodass ich, wenn ich das Ende der Seite erreichte, noch nicht weit gekommen war. Für das nächste Album werde ich sicherstellen, ein größeres Notizbuch zu verwenden, damit ich ‚Quickies' nicht zweimal in Folge mache."

Merrit nahm "Quickies" in Brooklyn, Boston und San Francisco mit seiner vertrauten Besetzung aus Magnetic-Fields-Mitstreitern auf. Shirley Simms teilt sich den Gesang mit ihm und meistert dabei selbst gewagte Szenarien mit blitzsauberer Souveränität, wie Merritt anmerkt: "Ich liebe es, wenn Shirley sexy Lyrics in ihrer katholischen Schulmädchen-Stimme singt. Ich klinge nie unschuldig, ganz egal, wie unschuldig ich bin. Sie hingegen tut es, obwohl sie in Wahrheit kein Stück unschuldiger ist als ich. Zudem ist Shirley zu einer ziemlichen Omnichord-Virtuosin geworden. Ich kenne keine anderen Omnichord-Virtuosen, also schrieb ich Shirley einige Omnichord-Songs."

Zu den anderen Musikern gehören Magnetic-Fields-Getreue wie Claudia Gonson (am einhändigen Piano, Percussion, Lead-Gesang und Harmonien), Sam Davol (am Cello) und John Woo (unverstärkte elektrische Gitarre) sowie Chris Ewen (Mellotron), Pinky Weitzman (Violine) und Merritts Freund und literarischer / musikalischer Kreativpartner David Handler (Akkordeon). Wie oftmals, wenn Merritt sich an ein Albumprojekt macht, schreibt er mit bestimmten Instrumenten im Kopf. Bei "Quickies" komponierte er für die dreiakkordige Autoharp, die älteste Version dieses Instruments: "Die dreiakkordige Autoharp klingt wesentlich besser als normale Autoharp, denn für jeden Akkord stehen doppelt so viele Saiten zur Verfügung. Sie klingen wesentlich satter als gebräuchliche 31-saitige Autoharps." Außerdem schrieb er für Banjolele, ein Banjo-Ukulele-Hybrid, das er zu sammeln begonnen hatte. Er entdeckte in einem Studio in San Francisco - Decibelle - eine Celeste aus den 60ern, ein Keyboard-basiertes Instrument, das tönende, himmlische Klänge produziert, und fertigte Duette für Celeste und Handlers Akkordeon.

Besonders maßgeblich waren jedoch die Zigarrenkisten-großen Instrumente, die er zum Einsatz brachte, eine Art funktionale Outsider-Kunst: "Es gibt ein Folk-Genre von Instrumenten, die aus tatsächlichen Zigarrenkisten hergestellt werden. Der Klangkörper des Instruments ist eine Zigarrenkiste, an die man einen Hals klebt, ein paar Saiten befestigt und schon hast du eine Zigarrenkistengitarre, eine besonders lausige Gitarre, die man mit einem Slide spielen muss. Oder eine Zigarrenkisten-Ukulele, die ein wesentlich ausgeklügelteres Instrument ist. Es ist eine Ukulele, die den Klangkörper einer Zigarrenkiste hat. Abgesehen davon unterscheidet sie sich nicht von einer gewöhnlichen Ukulele."

"Sam Davol baute ein Weinkisten-Cello, aus einer tatsächlichen Weinkiste", fügt er hinzu. "Er beschwerte sich, dass es viel zu gut klingt, im Grunde wie sein normales Cello. Die Zigarrenkisten-Instrumente heben sich merkbar vom Standard ab, doch sein Zigarrenkisten-Cello war zu gut gelungen. Die Intonation ist großartig."

"Von den Zigarrenkisten-Instrumenten spielte ich Ukulele. John Woo spielte die Zigarrenkisten-Slidegitarre, Sam Davol das Weinkisten-Cello, Pinky Weitzman die Zigarrenkisten-Violine. Und Claudia spielte Zigarrenkisten-Percussion. Um nicht von Sam überboten zu werden, entschloss ich mich, einige Percussion-Instrumente aus Zigarrenkisten zu erfinden. Ich baute mehr Instrumente für dieses Album als er, doch seines war gelungener."

"Quickies" ist das zwölfte Magnetic-Fields-Album und das fünfte für Nonesuch, in einer Karriere, die drei Jahrzehnte umspannt. Neben Merritts gerühmten Arbeiten mit der Band hat er hat außerdem Musik und Texte für zahlreiche Theaterstücke geschrieben, darunter eine Off-Broadway-Adaption von Neil Gaimans Roman "Coraline", für die er einen Obie Award erhielt. 2014 komponierte Merritt Songs und Hintergrundmusik für die erste musikalische Episode des Radioformates "This American Life". Darüber hinaus hat er Alben unter den Bandnahmen 6ths, The Gothic Archies und Future Bible Heroes veröffentlicht. Bei der Veröffentlichung des Box-Sets "50 Song Memoir" sprach das New York Magazine von "einer Feier von Merrits himmelhoher Bandbreite als Songschreiber und Musiker, in Form eines Erkundens der Umstände, die ihn zu diesem machten... ein genussvolles Blättern durch die bisher unbesehenen Rückseiten einer der einzigartigsten Stimmen des Rock und, alles in allem, das verdammt noch mal beste Magnetic-Fields-Album der letzten zehn Jahre."

Im Kontrast zu "50 Song Memoir" hebt Merrit hervor: "Ich sollte betonen, dass im Gegensatz zum letzten, non-fiktionalen Album, dieses definitiv fiktional ist und ich mir nicht wünsche, Reißzähne und einen Schweif zu haben. Ich wünschte nicht, ich wäre in einer Bikergang. Obwohl... manchmal wünsche ich mir schon, in einer Bikergang zu sein, aber nicht in so einer. Ich war im wahren Leben auch kein Prostituierter, jedoch habe ich zwei Freunde, die wortwörtlich zu mir gesagt haben: ‚I wish I were a prostitute again.'"vImmerhin: "'Bathroom Quickie", so gibt er zu, "ist wirklich autobiografisch. Tatsächlich war ich mit meinem Freund Ricky auf der Suche nach einem Ort, an dem wir intimer sein können, und wir konnten nirgends einen finden. Es war sehr frustrierend. Dieser Song hätte also vermutlich auch auf ‚50 Song Memoir' sein können."

-Michael Hill

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