04.05.2022

"Astor Piazzolla: The American Clavé Recordings" ab Freitag erstmals auf Vinyl und als CD-Box

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Am 6. Mai 2022 veröffentlicht Nonesuch Records eine dreiteilige LP- bzw. dreiteilige CD-Box mit Alben des großartigen argentinischen Komponisten, Bandleaders und Bandoneon-Spielers Astor Piazzolla — ursprünglich in den 1980ern vom Label American Clavé Records herausgebracht und vor mehr als zwei Jahrzehnten neu aufgelegt von Nonesuch. Die Sammelbox Astor Piazzolla: The American Clavé Recordings ist die erste Veröffentlichung, welche dieses bahnbrechende Trio von Alben — Tango: Zero Hour, La Camorra: The Solitude of Passionate Provocation sowie The Rough Dancer and the Cyclical Night (Tango Apasionado) — remastered im Set aufbietet. Und es ist das erste Mal, dass die Alben seit ihrer ersten Ausgabe bei American Clavé auf Vinyl erhältlich sind. Die Booklet-Texte enthalten originale und neue Anmerkungen von Kip Hanrahan, dem Produzenten des Albums und Gründer von American Clavé, ebenso wie einen tiefgründigen Essay vom Journalisten Fernando González. Er übersetzte und kommentierte Piazzollas Memoiren und schrieb die Begleithefttexte zu vier seiner Alben. Ursprünglich sollte die Box 2021 zu Piazzollas 100. Geburtstag erscheinen, nun beginnt mit der Neuveröffentlichung das zweite Jahrhundert von Piazzollas anhaltendem Einfluss.

González sagt in seiner Anmerkung von 2021: “Im Mai 1986 betrat Astor Piazzolla, der Schöpfer des „Tango Nuevo“, gemeinsam mit seinem Quintett das Studio in Manhattan, um Zero Hour aufzunehmen. Es sollte die erste von drei folgenreichen Einspielungen werden, die ihn schließlich in den USA etablieren und sein Ansehen in der ganzen Welt festigen würden.“

Obwohl Piazzolla als Stammvater des „Tango Nuevo“ bekannt war, sagt Hanrahan in seinem Vorwort: „Ich bin mir nicht sicher, ob Astor den Tango wirklich mochte oder ihn liebte oder hasste. Ich glaube, er liebte die Musik, mit der sein Vater die Familie umgab, als den Klang dessen, was sie in Argentinien zurückgelassen hatten ... Es war die akustische Identität, die sie unterschied von den italienischen und den jüdischen Familien, die um sie herum in der Lower East Side von New York lebten, wo Astor aufwuchs.“

“Wenn ich Astor lausche, höre ich nicht wirklich den Tango, der neu erfunden und gerettet wurde durch einen brillanten Komponisten, ich höre die Musik eines aufgewühlten, vielschichtigen, ruhelosen, geistvollen Mannes, der das Vokabular der Träume seines Vaters neu arrangiert.“

Tango: Zero Hour (Tango: Stunde Null) wurde in New York aufgenommen mit Piazzolla und seinem zeitlosen The New Tango Quintet, das von 1978 bis 1988 mit Piazzolla zusammenarbeitete und folgende Namen aufbot: Fernando Suárez Paz (Violine), Pablo Ziegler (Klavier), Horacio Malvicino Sr. (Gitarre) und Héctor Console (Bass). González bemerkt zu Tango: Zero Hour: „Es sind anspruchsvolle Werke. Das Spiel des einzelnen Musikers bleibt durchweg präzise und intensiv. Als Ensemble klingen Piazzolla und The New Tango Quintet fokussiert, locker und kraftvoll. Sie haben die totale Kontrolle über die Musik und beweisen das, indem sie beiläufig in Sekundenschnelle die Richtung, Stimmung und Dynamik ändern. Piazzolla erkannte sofort, dass das Quintett etwas Besonderes erschaffen hatte. Er glaubte, es sei ‘die großartigste Platte, die ich in meinem ganzen Leben gemacht habe. Wir gaben unsere Seelen hinein.‘“ Tango: Zero Hour wurde ursprünglich 1986 von American Clavé herausgegeben.

La Camorra erschien erstmals im Mai 1988 und war in New York eingespielt worden, gleichfalls mit The New Tango Quintet. Gonzáles schreibt: „La Camorra liefert nicht nur ein spätes Meisterwerk, das dreiteilige Titelstück, sondern es dient zugleich als Abschluss zweier bedeutsamer Kapitel in Piazzollas Leben und seiner musikalischen Karriere. Aufgebaut aus drei einzelnen, aber verbundenen Stücken, ist La Camorra mehr als die Summe seiner Teile. Es suggeriert, wie Piazzolla über den Tango nachdenkt, mal liebevoll, indem er alte Spieler und Stile beschwört, dann ärgerlich, indem er mit der Geschichte des Tangos kämpft und seinen eigenen Platz in ihr beansprucht.“

“Im Stil von Zero Hour vervollständigt Piazzolla das Programm mit Versionen von Werken, die er bereits aufgenommen und auf Hochglanz poliert hatte. Das Quintett ist erneut in hervorragender Form. Als bedeutende neue Arbeit sowie makellose Darbietung von vier Repertoire-Stücken, stellt La Camorra einen Höhepunkt dar in Piazzollas Diskografie. Zugleich war es Piazzollas letzte Aufnahme mit dem The New Tango Quintet.“

The Rough Dancer and the Cyclical Night (Der grobe Tänzer und die zyklische Nacht), ebenfalls ursprünglich 1989 veröffentlicht, war im September 1987 in New York aufgenommen worden. Das Ensemble umfasste Fernando Suárez Paz (Violine), Pablo Zinger (Klavier), Paquito D’Rivera (Altsaxofon, Klarinette), Andy González (Bass) und Rodolfo Alchourrón (E-Gitarre).

Gonzáles führt aus: „The Rough Dancer and the Cyclical Night (Tango Apasionado), das Piazzolla diesmal ohne das Quintett aufnahm, besetzt einen einzigartigen Platz in seiner Diskografie. Das Werk basiert auf der Musik, die Piazzolla für Tango Apasionado komponiert hatte, einem Tanz- und Theaterwerk (gestaltet von Graciela Daniele), das auf Geschichten vom argentinischen Kurzgeschichten-Erzähler, Poeten und Essayisten Jorge Luis Borges basiert. Aber was The Rough Dancer tatsächlich von Piazzollas übriger Diskografie abhebt, ist, wie es erschaffen wurde. Bisher war das Studio für Piazzolla vor allem ein Mittel, Musik zu dokumentieren, die er produzierte. Aber zu diesem Zeitpunkt war Piazzolla fasziniert von der Idee, das Studio als kreatives Werkzeug zu benutzen, etwa auch zum Komponieren und Arrangieren.“

Astor Piazzollas Tango Nuevo, der klassische Formen und Jazzelemente in den traditionellen Tango einbindet, war bei seinem Erscheinen so umstritten, dass Piazzolla bei zahlreichen Anlässen sein Leben bedroht sah und ins Exil floh. Der traditionelle Tango, geboren in den Bordellen von Buenos Aires, sowie in New Orleans der Jazz seinen Anfang nahm, war von seinen Ursprüngen an über Jahrzehnte verfolgt worden. Piazzolla veränderte mit seinem innovativen Stil und dem Wunsch, den Tango zu legitimieren und ihn einem ernsthaften Musikpublikum nahezubringen, das Erscheinungsbild dieser Musik für immer.

Als Tango: Zero Hour erstmals veröffentlicht wurde, befand sich Piazzolla auf dem Höhepunkt seines Könnens. Die Wochenzeitung The Village Voice nannte Piazzolla „einen modernen Meister“, während die New York Times schrieb: „Piazzollas Tangos als musikalische Wunderwerke zu hören, ist nebensächlich. So wie die provokanten Linien und die langatmigen Weisen sich die Stirn bieten und einander umschlingen, suggeriert der Tango, dass sogar in der modernen Welt Romantik fortbesteht.“

Der Piazzolla-Katalog von Nonesuch enthält eine Reihe weiterer bedeutender Aufnahmen, darunter Piazzollas Concierto para bandoneón und Tres tangos, 1988 erschienen, sowie seine letzte Einspielung Five Tango Sensations, ein Auftragswerk vom Kronos Quartet und 1991 veröffentlicht. Darüber hinaus erschien 1988 auf dessen Ensemble-Album Winter Was Hard Piazzollas erste Komposition fürs Kronos Quartet: Four, For Tango. Piazzollas Musik ist außerdem auf vier Nonesuch-Alben des Violinisten Gidon Kremer zu hören: Hommage à Piazzolla, El Tango, Tracing Astor und Eight Seasons; sie erschienen ebenfalls in einer CD-Box mit dem Titel Hommage à Piazzolla: The Complete Astor Piazzolla Recordings.

Astor Piazzolla
The American Clavé Recordings

Tango Zero Hour

Side A

Tanguedia III • Milonga Del Angel • Concierto Para Quinteto • Milonga Loca

Side B

Michelangelo '70 • Contrabajísimo • Mumuki

La Camorra

Side A

La Camorra I • La Camorra II • La Camorra III •

Side B

Soledad • Fugata • Sur: Los Sueños (South: The Dreams) • Sur: Regreso al Amor (South: A Return to Love)

The Rough Dancer and the Cyclical Night (Tango Apasionado)

Side A

Prologue (Tango Apasionado) • Milonga for Three • Street Tango • Milonga Picaresque • Knife Fight • Leonora’s Song • Prelude to the Cyclical Night (Part One)

Side B

Butcher’s Death • Leijia’s Game • Milonga for Three (Reprise) • Bailongo • Leonora’s Love Theme • Finale (Tango Apasionado) • Prelude to the Cyclical Night (Part Two)

Ursprünglich produziert von Kip Hanrahan und Astor Piazzolla