Oliver Tree

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Oliver Tree weiß, dass er – auf eine Art – nicht ganz bei Sinnen ist. Wenn man seinen Freund anriefe, um ihm atemlos zu erklären, dass man eine Vision von sich selbst habe, in die Ukraine zu reisen, um dort in Übergrößen-Bekleidung von einem zwölfstöckigen Gebäude zu springen – was würde der Freund anderes denken als: der hat seinen Verstand...

Oliver Tree weiß, dass er – auf eine Art – nicht ganz bei Sinnen ist. Wenn man seinen Freund anriefe, um ihm atemlos zu erklären, dass man eine Vision von sich selbst habe, in die Ukraine zu reisen, um dort in Übergrößen-Bekleidung von einem zwölfstöckigen Gebäude zu springen – was würde der Freund anderes denken als: der hat seinen Verstand verloren? Wenn man demselben Freund dann auch noch mitteilte, dass man einfach nicht aufhören könne, darüber nachzudenken, sich an den weltgrößten Scooter der Welt kreuzigen zu lassen, zu welchem anderen Schluss sollte dieser kommen?

Ebenso wahr ist jedoch, dass Oliver Tree eine Art visionäres Genie sein muss, denn er ließ genau diese beschriebenen Dinge – den Sprung, die Kreuzigung und vieles mehr – wahrwerden. Es steht indes jedem offen, die passende Metapher zur Beschreibung dieser Errungenschaften zu wählen – Oliver Tree als verrückter Professor, Oliver Tree als grandioser Troll, Oliver Tree als wahnsinniger Architekt. Oliver selbst vergleicht das Erlebnis mit der Fahrt in einer Achterbahn, bei der er seine Millionen von Follower auf eine unvorhersehbare Reise durch eine aberwitzige Welt voll komischer Katastrophen, Panzer und Scooter mitnimmt – Scooter müssen immer dabei sein. Wenn man in einer Achterbahn sitzt, vergisst man leicht, dass jemand die Kontrolle hat – irgendjemand in einem Polo-Strickhemd und Khaki-Shorts wacht über die Geschwindigkeit und die Bremsen. Im vordersten Sitzplatz fühlt es sich an, als gehorche eine Achterbahn einzig den Gesetzen der Schwerkraft. Ganz so, wie man sich beim Ansehen von Trees Videos, seiner Instagram-Postings oder Live-Performances, wenn seine unverkennbare Stimme über Gitarren und Drums bellt, unvermeidlich die Frage stellt: Was passiert hier gerade? Wer macht das? Wer hat die Kontrolle?

Hier ist eine Geschichte: ein Kind wächst in einer mittelgroßen kalifornischen Küstenstadt auf und in jungen Jahren setzen seine Eltern ihn vor ein Klavier. Zwingen ihn dazu, Musik zu erlernen, bevor er selbst die Wahl treffen kann. „Mary Had a Little Lamb“ und solche Sachen. Aus denselben Gründen erlernt er ein weiteres Instrument, Bariton in der Schulband, was seinen Eindruck verstärkt, dass Musik außerhalb seiner Kontrolle liegt. Dann jedoch, während eines zufälligen Besuches in einem Musikladen, nimmt er eine Gitarre zur Hand. Er investiert jeden einzelnen Penny, den er bis zu diesem Moment seines Lebens gespart hat, in die Anschaffung dieser Gitarre. Mit dem eingebauten Verstärker ist er in der Lage, mehr Lärm zu machen als es je zuvor konnte. Grässlichen und wunderschönen Lärm.

Er entwickelt eine große Liebe zu den opernhaften Exzessen von Rock-Acts wie David Bowie, besonders hypnotisiert ist er von den Begleitvideos. Doch diese Musik ist alt. Es ist nicht das, was gerade angesagt ist und was seine Altersgenossen tun. Er fühlt sich allein, gestrandet in der falschen Ära. Ein Gefühl von Zugehörigkeit und Sinn findet er hingegen, wenn er an Freestyle-Scooter-Contests teilnimmt – bis ein Unfall seine Flugbahn für immer verändert (später sollte er diesen Moment im Song „Divine Intervention“ verewigen).

In der Mittelschule wird er Teil einer Band und gründet eine Rap-Gruppe. Er füllt seinen Kopf mit einer großen Dosis psychedelischer Drogen, was noch mal eine Geschichte für sich ist. Fest steht: die Visuals weiten sein Bewusstsein. Auf einem besonders intensiven Trip hört er erstmals Bass Music und eine Tür tief in seinem Gehirn öffnet sich.

Währenddessen hat er diverse Albträume über Lampenfieber. Bühnenangst. Er ist bereits mit Klassenkameraden bei Mittelschulkonzerten aufgetreten. Nun ruft etwas Größeres nach ihm, doch es macht ihm Angst. Die Vorstellung einer brüllenden Menge in einer vollen Konzerthalle.

Am Ende tritt er als Vorband für große elektronische Musiker auf, vor Tausenden von Menschen, obwohl er immer noch die Highschool besucht – und der Albtraum verändert sich. Nun sieht er sich mit 30 Jahren, wie er in einem Stadion voller Menschen spielt. Und keine Angst verspürt.

Dann trifft er auf sein erstes Plattenlabel und erfährt durch seinen Eintritt in das Musikgeschäft, wie leicht ein Künstler in Schulbladen gesteckt und abgestempelt werden kann. So funktioniert der Kommerz. Die Kreativität wird mit einem Preisschild versehen und verkauft. Experimentierfreude, die sich nicht um Genregrenzen schert, wird gestutzt. Er löst seinen ersten Plattenvertrag wieder auf – keine kleine Sache. In den Fluren von Atlantic Records in New York düst er mit seinem Scooter durch die Büroflure, fährt ihn zu Schrott. Mithilfe einer Kunstblut-Kapsel aus dem Mund blutend, prankt er den CEO dazu, sich seine Vision anzuhören. Oliver Tree ist eine neue Art von Popstar. Unbändige Energie in der Verkleidung einer Person. Die Achterbahn verlässt die Haltestelle und alle haben ihre Hände in der Luft, geben die Kontrolle an das Fahrgerät ab.

Jedenfalls so was in der Richtung.

Am 17. Juli wird Oliver Tree sein längst überfälliges Debütalbum Ugly Is Beautiful veröffentlichen. „Die Wahrheit ist: es ist die Arbeit eines ganzen Lebens“, sagt Oliver. Die Wahrheit mag spiegelglatt sein, doch in diesem Fall meint er es absolut ernst. Es gibt kein Detail des Projektes, das er nicht angefasst hätte. Keine Heldentat, die er nicht vollbracht hätte (beispielsweise brachte er sechs Monate damit zu, auf dem Perris Auto Speedway das Fahren eines Monstertrucks zu erlernen, nur damit er ihn im Video zu „All That x Alien Boy“ würde steuern können). Olivers Ambitionen und sein Verständnis der vielfältigen Permutationen des Pop scheinen auf den ersten Singles „Cash Machine” und „Let Me Down“ durch. Besonders Letztere ist eine gitarrengetriebene Hymne mit einer Hook, die sich direkt in dein Hirn pflanzt und mit ihren Lyrics zugleich faszinierend offen für Interpretationen bleibt. „Somehow I've seen you're someone else”, schmettert Oliver in einer der sinnträchtigsten Zeilen.  
 

Ugly Is Beautiful, das sind sämtliche von Olivers Erfahrungen, destilliert in vierzehn Songs, die das Versprechen seiner EPs Alien Boy und Do You Feel Me? einlösen.

Diese hatten ihm beeindruckende Kritiken eingebracht, so schrieb der Rolling Stone: „Oliver Tree ist in der Tat bestechend: er existiert in einem permanenten Zustand Napoleon-Dynamite-artiger Exzentrik, durch Method Acting in die Rolle eines Hooligans namens Turbo schlüpfend, der auf ungezogene Videoclips, Gras rauchen und Scooter für 8-Jährige steht. Doch auch mit konventionelleren Maßstäben gemessen, ist Tree erfolgreich: VICE nannte ihn „eine musikmachende Meme-Maschine“, Billboard „den fröhlichen Schelm des Alt-Pop“.

Ob er über struppige Pop-Punk-Gitarren und fröhliche Handclaps singt oder über einen Beat rappt, der an frühen 90er-Jahre Boom-Bap erinnert: Olivers Musik findet ihren emotionalen Widerhall in der uralten Gegebenheit, dass, wie er es nennt, „die menschliche Erfahrung eine einsame ist“. Seine Musik verwandelt die Einsamkeit und Kraft in Nostalgie. Die Achterbahn, sie steuerte seit jeher auf dieses Ziel zu.

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