Sam Gendel

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Gerade mal ein gutes halbes Jahr ist seit der Veröffentlichung von Sam Gendels Einstandsalbum bei Nonesuch Records ins Land gegangen. Auf „Satin Doll“ deutete Gendel liebgewordene Jazz-Standards neu und schuf daraus originäres Material, das von einem benebelndem Elektrosoundbad durchtränkt war. Das brandneue Nachfolgealbum „DRM“ scheint die „Satin Doll“-Fährte beinahe komplett ins Gegenteil zu kehren: Gendel bildet zeitgemäßen R&B-Sound mit Vintage-Synths...

Gerade mal ein gutes halbes Jahr ist seit der Veröffentlichung von Sam Gendels Einstandsalbum bei Nonesuch Records ins Land gegangen. Auf „Satin Doll“ deutete Gendel liebgewordene Jazz-Standards neu und schuf daraus originäres Material, das von einem benebelndem Elektrosoundbad durchtränkt war. Das brandneue Nachfolgealbum „DRM“ scheint die „Satin Doll“-Fährte beinahe komplett ins Gegenteil zu kehren: Gendel bildet zeitgemäßen R&B-Sound mit Vintage-Synths und Akustikinstrumenten nach. Futuristisch anmutende Electronica gewinnt er durch das Nutzen von Instrumenten-„Antiquitäten“. Das Resultat: Eine Art Space-Age-Soul-Musik. Hergestellt mit zittrigen Gitarren und Drum Machines der 1970er-Jahre, ist „DRM“ postapokalyptischer Blip-Hop, der vom letzten Mann auf Erden rekonstruiert wird - mit allen Trümmerteilen, die er finden konnte.

„DRM“ enthält nur eine einzige Cover-Version. „Old Town Road“, im Original von Lil Nas X, ist in Gendels Spielweise ein zartes, wässriges Instrumentalstück. Die Melodie spielt Gendel auf einem alten, deutschen Analog-Synthesizer, von dessen Tonhöhenrand er ausgiebig Gebrauch macht, um die Noten wie beim Saxofon zu beugen zu. Auf anderen „DRM“-Stücken greift er den experimentellen Geist des modernen R&B auf. Dazu nutzt er eine 40 Jahre alte Electro Harmonix DRM32-Drum-Machine, zwei antiquierte Synthesizer und eine Gitarre mit Nylonsaiten, die 60 Jahre auf dem Buckel hat. Unaufhörlich singt oder skandiert er dazu rhythmische Patterns. Bisweilen interpretiert er aber auch - kaum wahrnehmbar - Texte, die sein Freund Scott geschrieben hat.

Gendel selbst fällt keine gängige Kategorisierung für sein neues Album ein, wie er sagt: „Ein Bekannter meinte, dass die Musik wie das Aufeinandertreffen von Kanye West und dem ‚Großen Rennen von Belleville‘ (‚Triplets Of Belleville‘) klingt“, schmunzelt er. „Dieses Motiv gefällt mir, das Gesamtbild des Albums nimmt sich ziemlich surreal aus. Ich stelle mir Zuhörer vor, die denken: ‚Was zum Geier ist das? Habe ich gerade ein Segelschiff am Himmel entdeckt?‘. In meiner Vorstellung klingt die Platte so, als ob jemand in der Zukunft, viele Jahre vom Heute entfernt, momentan populäre Musik hört, und sie ohne unsere jetzigen Instrumente, und auch frei vom derzeitigen Musikverständnis nachstellen will. Stilistisch ist das Album gar nicht so weit entfernt von jener zeitgemäßen Pop-Rap-Musik, die man derzeit im Radio hört. Etliche der elektronischen Instrumentals, die man heute hört, sind musikalischen Größen zugerichtet, die außergewöhnlich und experimentell klingen: Rhythmisch und pointillistisch, kollagenartig andersartig und scheinbar unzusammenhängend, werden verschiedene Elemente auf coole Weise zusammengeflochten. Zeitgemäßer Pop-Rap ist sehr vorurteilslose Musik, die nicht versucht ist, sich an einem der gängigen Genres zu orientieren. Ihr einziger Orientierungspunkt ist die Flexibilität der Musik selbst. Dieses undefinierbare Moment ist für Musiker sehr befreiend.“

Gendel wurde als Weltklassesaxofonist bekannt. Mit seinem Instrument führte er die meisten seiner eigenen Bands an und gastierte auf Alben von Kollegen wie Vampire Weekend, Ry Cooder, Moses Sumney, Sam Amidon und Louis Coles Knower. Auf „DRM“ ist trotzdem kein Saxofon zu hören. „Es gab kein proaktives Zutun meinerseits, um das Saxofon vom Album fernzuhalten, es spielte nur einfach keine Rolle in der Gewichtung der Instrumente als ich mit den Aufnahmen begann", erinnert er sich. „Ich fand die Formel, mit der DRM32-Drum-Machine zu arbeiten, und folgte ihr. In meiner Selbstauffassung bin ich aber ohnehin nicht primär ein Saxofonist, sondern ein Typ, der an der Musik arbeitet, was das Spielen mit Allem umfasst. Auch als ich in einer Band spielte, wie bei ‚Satin Doll‘, waren die Instrumente, die wir spielten, beinahe irrelevant. Es ging mehr um die Interaktion zwischen mir und den beiden anderen Musikern. Oder um die Ideen, die entstanden, und um den geteilten Humor.“

In Slow-Motion-Balladen wie „Times Likes This“ und „Wolves Is Back“ spielt Gendel Bass-Linien und Neo-Soul-Sequenzen, die er auf seiner heftig verstimmten, nylonbesaiteten Gitarre generiert - in versetzten Tonlagen, die durch Oktave gejagt werden. „Die Gitarre ist so tief gestimmt, dass ihr Sound beinahe auseinander zu fallen droht. Ich spiele dem Beat mit ihr ordentlich hinterher - sie klingt so als ob sie gleich ihren letzten Atemzug tun würde“, sagt er. In „Oowee“ entlockt er demselben havarierten Instrument spacige Jazz-Akkorde über einem zappeligen Breakbeat. „FFLLYYDADA“ lässt Gendels Skandieren über wackelnden Grundakkorden erkennen, die er mit einem 30 Jahre alten, japanischen Keyboard eingespielt hat, das Suzuki Waraku III heißt. „Es handelt sich um ein elektronisches Koto, das ich in einem Second-Hand-Shop in Tokio erstand“, erklärt Sam. „Auf dem Album ist es überall zu hören.“

„WAA“ ist von Gendels Stimme gekennzeichnet, mit der im unzusammenhängenden Falsett-Gesang eine eindringliche Melodie über einem Breakbeat singt, der so klingt als ob er aus störanfälligen Systemgeräuschen zusammengestellt worden wäre. Das letzte Stück „Walt's“, basiert auf einer brasilianisch anmutenden Melodie, die in Walzertaktung ihren Bestimmungort findet. Zum Ausklang des Stücks wird der Walzer zunehmend schleppender, bis man den Eindruck gewinnt, dass jedes Instrument in der 49 Grad-Hitze des Death Valley geschmolzen ist.

Die Arbeiten an „DRM“ begannen nicht lange nach der Veröffentlichung von „Satin Doll“. Gendel hätte die Zeit eigentlich für eine internationale Tour nutzen sollen, um das Album live vorzustellen. Aber plötzlich befand sich die Welt im Lockdown. „DRM“ wurde in einer einzigen, fiebrigen 16-Stunden-Session eingespielt. Die Aufnahmen gingen sodann in die Nachbeartbeitung von Gendel und dem „Satin Doll“-Elektro-Percussionisten Philippe Melanson. Das Mixing übernahm Gendels Freund und Kollaborateur Blake Mills. Unter der Ägide des Grammy-nominierten Tonmeisters Mike Bozzi fand schließlich das Mastering statt.

Alle 14 Stücke des Albums werden von einer Serie an Kurzfilmen begleitet, bei denen Marcella Cytrynowicz Regie führte. „Wir nahmen die Filme im Juli und August überall in Kalifornien auf“, sagt Gendel. „Das Filmen der Videos nahm viel mehr Zeit in Anspruch als das Aufnehmen der Musik.“

Vermutlich vom mysteriösen französischen Filmemacher Jaques Tati inspiriert, tanzt Gendel ruckartig in Fernaufnahmen, in denen er einen pinkfarbenen Rollkragenpulli zur passenden Hose trägt. In einigen Sequenzen sieht man ihn auch einem Greenscreen-Bildfreistellungs-Overall, auf den Cytrynowicz Spezialeffekte projiziert. Zum schlagenden HipHop von „BBQ1“ schreitet er durch die verlassene, 150 Jahre alte Wildwest-Geisterstadt Bodie. Im Kanye West-artigen „SuperWokeDada“ marschiert er durch Sanddünen an einem Strand in der Nähe von San Francisco. Im Film zu „WAA“ tanzt er mit Enten im Mono Lake, einem historischen Salzwasser-See, knapp 2000 Meter über dem Meeresspiegel. Zu „Stoopid“ befindet er sich, an einer Banane kauend, in den ausgedörrten Wüsten des Death Valley.

„Die Bilder wurden nicht notwendigerweise von der Musik vorgegeben. Aber sowohl die Bilder wie auch die Musik sind vom selben surrealen Feeling geprägt. Ich könnte ein Computerspiel-Charakter sein, der all die verschiedenen Gegenden bewohnt“, sagt er. „Die Stimmung soll vorgeben, dass ich der letzte Mensch auf Erden bin, der mit der trostlosen Wildnis interagiert. Tatsächlich suggeriert das komplette Album quasi genau dieses Bild.“

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